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Leitthema 1

  • L1-FS-001Der Landschaftsbegriff in der Geographie: Vom Kern des Faches zum elementaren Gegenstand historisch orientierter Forschung
    Herr Dr. Daniel KnitterHerr Prof. Dr. Winfried Schenk
    Chrsitian-Albrechts-Universität zu Kiel, Geographisches Institut, Physische Geographie, SFB1266Universität Bonn, Geographisches Institut, Bereich Historische Geographie

    Kurzabstract

    Landschaft ist nicht out! Zumindest nicht bei den historisch arbeitenden Geograph*innen. Im Rahmen der Fachsitzung werden aktuelle Arbeiten zur Erforschung von Landschaften präsentiert.

    Exposé

    Landschaft war seit jeher einer der zentralen Termini der Geographie. Doch während „Landschaft“ im Nachklang des Kieler Geographentages von 1969 zunehmend an Bedeutung verlor, spielt dieser Begriff noch immer eine zentrale Rolle für historische arbeitende Geograph*innen. Menschen, Gesellschaften und Kulturen haben aktiv ihre Umgebung gestaltet und sind von ihr geprägt worden. Wo, in welchem Ausmaß und mit welchem Grad an Kontingenz, das ist Gegenstand moderner historisch-geographischer und landschaftsarchäologischer Forschung. Die stetig steigende Datenmenge aus den unterschiedlichsten Epochen und Regionen der Erde eröffnet einen unvergleichlichen Einblick in die Dynamik all der Prozesse, die zur aktuellen (räumlichen) Konfiguration der Welt – zu ihren Landschaften – geführt haben. Durch die Rekonstruktion früherer gesellschaftlicher und sozial-ökologischer Dynamik leisten historisch arbeitende Geograph*innen einen wichtigen und all zu oft übersehenen Beitrag zum Verständnis derzeit populärer Begriffe wie Resilienz, Vulnerabilität oder Adaption. Gerade in Hinblick auf aktuelle globale Herausforderungen und die Debatte um das „Anthropozän“ ist dies ein verschenktes Potential.

  • L1-FS-002Neue Ansätze der Bevölkerungsgeographie(n)
    Frau Dr. Jeannine WintzerHerr Dr. Mathias Siedhoff
    Universität Bern, Geographisches InstitutTechnische Universität Dresden, Institut für Geographie

    Kurzabstract

    Neue Ansätze, die in der Humangeographie etabliert sind, sind in der Bevölkerungsgeographie noch wenig prominent. Die Sitzung dient der Diskussion neuer geographischer Ansätze zu Bevölkerung.

    Exposé

    Die (bislang) zentralen Konzepte der Bevölkerungsgeographie – Bevölkerungsverteilung, Bevölkerungsstruktur, Bevölkerungsentwicklung, Fruchtbarkeit, Sterblichkeit und Mobilität – erfahren im politischen, wirtschaftlichen, sozialen und nicht zuletzt medialen Alltag eine große Aufmerksamkeit. Aus fachwissenschaftlicher Perspektive kann die Bevölkerungsgeographie allerdings bis heute nicht davon freigesprochen werden, aktuellen theoretischen und methodischen sozialwissenschaftlichen Ansätzen, die in Bereichen der Humangeographie längst verankert sind, zu wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Dies gilt insbesondere für die einführende Literatur, mit der in der schulischen und universitären Ausbildung fachliche Grundlagen gelegt werden. Hier wird Bevölkerungsgeographie in hohem Maße mit empirischen Befunden zu demographischen Prozessen und Ereignissen gefüllt. Veränderte Lebensbedingungen auf allen Maßstabsebenen einerseits sowie neue wissenschaftliche Perspektiven andererseits bieten Platz für eine über die klassische Bevölkerungsgeographie hinausgehende Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Bevölkerung. So bedürfen sozialräumliche Prozesse infolge der Individualisierung und Pluralisierung der Gesellschaft, Prozesse der Globalisierung und insbesondere Manifestationen sozialer Ungleichheiten in verschiedenen räumlichen und gesellschaftlichen Kontexten neuen bevölkerungsgeographischen Betrachtungsweisen. Dabei soll nicht geleugnet werden, dass entsprechende wissenschaftliche Auseinandersetzungen bereits erfolg(t)en, aber sie treten bislang wenig unter dem Dach der Bevölkerungsgeographie in Erscheinung.

    Als Vortragsschwerpunkte stellen wir uns insbesondere vor:

    Theorien: Neue Ansätze zur Bevölkerungsgeographie unter Einbezug kritischer/feministischer/postkolonialistischer usw. Theorien

    Methoden: Neue Zugänge zu bevölkerungsrelevanten Phänomenen unter Beachtung verstehender und interpretierender qualitativer sowie quantitativer Sozialforschung

    Reflexion von Grenzen: Wie kann Bevölkerung erfasst und analysiert werden? Welche Grenzen sind der/den Bevölkerungsgeographie/n gesetzt?

    Inter-/Transdisziplinarität: Welche Chancen und welche Herausforderungen bietet der Blick über den disziplinären Tellerrand hinaus? Welche Überschneidungen gibt es mit kritischer Stadtgeographie, kritischer Migrationsgeographie usw.?

  • L1-FS-003Gateway Cities: Wachstumsmotoren oder Brückenköpfe des (Neo-)Imperialismus?
    Herr Prof. Dr. Javier Revilla DiezHerr Dr. Sören Scholvin
    Geographisches Institut, Universität zu KölnInstitut für Wirtschafts- und Kulturgeographie, Leibniz Universität Hannover

    Kurzabstract

    Die Sitzung beschäftigt sich mit Metropolen im Globalen Süden und Entwicklung in der Peripherie. Die aktuelle Tragfähigkeit kritischer Ansätze, insbesondere der Dependencia-Schule, wird diskutiert.

    Exposé

    Periphere Standorte werden über Gateway Cities wie Buenos Aires, Johannesburg oder Singapur in die Weltwirtschaft eingebunden. Von diesen Metropolen aus steuern transnationale Konzerne in Zusammenarbeit mit Beraterfirmen wie Deloitte und KPMG ihre Aktivitäten. Gateway Cities sind zudem Logistikknoten, bedeutende Industriestandorte und Städte, in denen Forschung und Entwicklung stattfindet. In der Dependencia-Schule wurden solche Orte als semi-periphere „Brückenköpfe“ bezeichnet. Sie ermöglichen die Ausbeutung der Peripherie durch die Zentren und werden von der Kompradorenbourgeoisie – nach Poulantzas „das finanzielle und kommerzielle Gelenk für Operationen des imperialistischen Auslandskapitals“ – geprägt.

    Diese kritische Sichtweise ist in Vergessenheit geraten. Gegenwärtig dominante Ansätze, vor allem das Konzept der globalen Produktionsnetzwerke, werfen ein gänzlich anderes Licht auf die Einbindung der Peripherie in weltwirtschaftliche Prozesse. Trotz vereinzelter Anregungen, sich mit den „dunklen Seiten“ globaler Produktionsnetzwerke zu beschäftigen, herrscht die Idee vor, dass Prozesse des „strategischen Koppelns“ zwischen lokalen Unternehmen und transnationalen Konzernen zu für alle positiven Ergebnissen führten. Auch die Weltbank entwirft unter dem Schlagwort der „Leading Areas“ ein positives Bild von Agglomerationsräumen und deren Auswirkungen auf Regionalentwicklung. Gleichzeitig weist eine zunehmende Zahl an Studien nach, dass die Integration des Globalen Südens in weltwirtschaftliche Prozesse des 21. Jahrhunderts mitnichten stets positiv ist. Während einige Orte und Regionen Aufwertungsprozesse durchlaufen, kommt es für andere zu sozialer und wirtschaftlicher Abwertung. Wenigen Gewinnern stehen oft viele Verlierer gegenüber.

    Vor diesem Hintergrund ist es angebracht, die aktuelle Tragfähigkeit der Dependencia-Schule und anderer kritischer Ansätze (u.a. Emmanuel zu „ungleichem Tausch“, Galtung und Senghaas zu Subimperialismus sowie Harvey zu Überakkumulation) mit Hinblick auf Gateway Cities zu diskutieren beziehungsweise hieran angelehnt die Schattenseiten globaler Produktionsnetzwerke näher zu betrachten. Diese Fachsitzung ist in der Geographischen Entwicklungsforschung und Wirtschaftsgeographie verortet. Vorgesehen sind fünf Vorträge zum Zusammenspiel von Gateway Cities und peripheren Orten in Afrika, Lateinamerika und Südostasien mit anschließender Diskussion.

  • L1-FS-004„Der Alltag ist tot, lang lebe der Alltag“ – Zur Wiederbelebung einer totgesagten Debatte
    Herr Jens RedaFrau Cosima Werner
    Geographisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu KielGeographisches Institut, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

    Kurzabstract

    Die Session bringt verschiedene auf Alltag bezogene Forschungsperspektiven zusammen und diskutiert ihre Potentiale für eine Wiederbelebung von totgesagten ‚Geographien des Alltags‘.

    Exposé

    Das Verhältnis von Geographie und Alltag gestaltet sich so eindeutig wie komplex. Einerseits ist das geographische Interesse an den Mechanismen und Dynamiken des alltäglichen Lebens in gewissem Sinne so alt wie die Geographie selbst. Andererseits entzieht sich Alltag einer eindeutigen Bestimmung. Vielmehr lassen sich vielfältige theoretische Positionen und empirische Erkenntnisinteressen identifizieren, deren Alltagsverständnisse auf unterschiedliche Topoi verweisen. In einer Zusammenschau dieser Topoi bewegt sich Alltag in einem konstitutiven Spannungsfeld aus leiblicher Situiertheit sowie raumzeitlicher Strukturierung und weist dabei symbolische wie materielle Dimensionen auf. Vor dem Hintergrund dieser vagen Bestimmung verflachten bisherige Debatten um ‚Geographien des Alltags‘ relativ schnell, wenngleich das Interesse an raumbezogenen Formen und Prozessen des alltäglichen Lebens ungebrochen ist. Im Kontext aktueller ‚turns‘ in der Humangeographie, in denen die Bedeutungen von Konzepten wie Leiblichkeit, Affekt, Materialität oder Praktiken für die Hervorbringung sozialer Wirklichkeit theoretisch diskutiert und methodisch reflektiert werden, scheint eine eingehendere Beschäftigung mit Alltag durchaus vielversprechend. Die Session will daher verschiedene auf Alltag bezogene Forschungsperspektiven zusammenbringen und ihre Potentiale für eine Wiederbelebung von ‚Geographien des Alltags‘ erörtern. Dabei wird zum einen danach gefragt, wie geographische Theoriebildung um Konzepte wie Leiblichkeit, Affekt, Materialität oder Praktiken alltagsbezogene Erkenntnisinteressen konkretisieren kann. Zum anderen steht zur Diskussion, wie konzeptionelle Auseinandersetzungen mit Alltag die Analysefoki leib-, affekt-, materialitäts- oder praktikenorientierter Ansätze schärfen können. Zudem regt die Session zum Austausch zu folgenden Fragen an:

    Wie haben leib-, affekt-, materialitäts- oder praktikenorientierte Ansätze alltagsbezogene Geographien verändert und in welcher Weise stellen sie einen Aufbruch für zukünftige ‚Geographien des Alltags‘ dar?

    Welche Brücken können konzeptionelle Auseinandersetzungen mit Alltag zwischen leib-, affekt-, materialitäts- oder praktikenorientierten Ansätzen schlagen?

    Wie kann den methodischen Herausforderungen alltagsbezogener Geographien begegnet werden?

  • L1-FS-005Kommunikation, Governance, Strategie, Kultur – Zum Stand und zu den Perspektiven von Planungstheorien
    Herr Dr. Gerard HutterHerr Prof. Dr. Thorsten Wiechmann
    Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V.TU Dortmund, Fakultät Raumplanung, Fachgebiet Raumordnung und Planungstheorie

    Kurzabstract

    Die Sitzung vermittelt Einblicke in den Stand und die Perspektiven ausgewählter Planungstheorien (Kommunikative Planung, Governance, Strategische Planung, Planungskulturen).

    Exposé

    Theorien können Umbrüche und Aufbrüche der Raumentwicklung und räumlichen Planung in mannigfaltiger Weise erhellen: durch die Akkumulation empirischer Ergebnisse, die Produktion formal überzeugender Argumente, durch „normative Abstraktion“ (Healey 2009) und Hinweise zu Mechanismen zur Gestaltung von „Realität“ und zur Orientierung im Dickicht wissenschaftlicher Disziplinen und Fachrichtungen (Suddaby 2014). Die Fachsitzung befasst sich mit ausgewählten Theorien der räumlichen Planung. Sie thematisiert zentrale Beiträge zur kommunikativen Planung und Governance-Forschung sowie zur strategischen Planung und zu Planungskulturen. Diese vier Theoriebereiche waren Gegenstand eines Arbeitskreises der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL), Hannover, zum Stand und zu den Perspektiven von Planungstheorien im internationalen Kontext. Auf der Grundlage intensiver Diskussionen war es möglich, eine überschaubare Anzahl von Schlüsseltexten in den vier Bereichen zu identifizieren und zu reflektieren. Die Ergebnisse des Arbeitskreises liegen im September 2019 in Form eines zweibändigen Readers zur Planungstheorie vor. Darauf aufbauend sollen z. B. folgende Fragen diskutiert werden:

    · Welche Rolle spielen Theorien in der räumlichen Planung und in der angewandten Geographie?

    · Welche Planungstheorien sollten – über die vier oben genannten Theoriebereiche hinaus – verstärkt zur Diskussion gestellt werden?

    · Wie können sich Theorie und Empirie wechselseitig befruchten?

    · Wie kann das Verhältnis von Theorie und Praxis produktiv gestaltet werden?

    Die Fachsitzung ist ein „Planungstheorieforum“ im Rahmen des DKG 2019. Sie ist durch das Anliegen motiviert, Diskussionen zur Theorieentwicklung im deutschsprachigen Raum anzuregen und zu verstetigen. Vortragssitzung mit 4 Vorträgen und Diskussion.

  • L1-FS-006Looking at what Geographers do: Empirische Wissenschaftsbeobachtung in der Geographie
    Herr Philipp AufenvenneHerr Dr. Boris Michel
    Universität PassauUniversität Erlangen

    Kurzabstract

    Kiel ´69 ist ob der rigorosen fachlichen Selbstreflexion legendär; Kiel ´19 ist Anlass, der empirischen Wissenschaftsforschung Raum zu geben. Lasst uns Methoden der Erkenntnis auf uns selbst anwenden!

    Exposé

    Wie und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen wird geographisches Wissen hergestellt, kommuniziert und inwertgesetzt? Und welchen Dynamiken und Kräften unterlagen und unterliegen diese Prozesse; mit welchen Folgen und wie ist das zu bewerten? Zur Beantwortung dieser (und anderer) Fragen braucht die Geographie systematisches Wissen über sich selbst. Entsprechend macht die geographische Wissenschaftsforschung die eigene Disziplin zum Gegenstand. Neben disziplintheoretischen Fragen gehört hierzu auch die empirische Wissenschaftsbeobachtung, die datenbasiert Erkenntnisse generiert – seien sie qualitativ oder quantitativ. Neben den klassischen qualititativen Methoden der Wissenschaftssoziologie (z.B. Diskurs- und Inhaltsanalysen, Delphi-Studien, Ethnographien) und der Wissenschaftshistoriographie finden auch quantitative szientometrische Verfahren (z.B. Bibliometrie, Netzwerkanalysen) Anwendung. Der Kieler Geographentag 1969 wurde aufgrund der erbarmungslosen disziplinären Selbstreflexion zur Legende und zum Identifikationsanker unserer Disziplin. Das 50-jährige Jubiläum nehmen wir zum Anlass, der kritischen empirischen Wissenschaftsbeobachtung Raum zu geben und neue Erkenntnisse aus diesem in der deutschsprachigen Geographie noch relativ jungen Forschungsfeld zu diskutieren.

    Freuen würden wir uns zum Beispiel über empirische Beiträge zu folgenden Themen:

    – Paradigmengenese und -entwicklung

    – Disziplinäre Fragmentierungen

    – “Travelling Concepts in Geography”

    – Verhältnis der Geographie zu Nachbarwissenschaften

    – Verhältnis der deutschsprachigen Geographie zur internationalen Geographie

    – Geschlechterverhältnisse in der Geographie

    – Prekariat, Leistungskriterien und Forschungspraxis

    – Verhältnis von Geographie zu Politik, Wirtschaft und (Planungs-)Praxis

    – Konsequenzen der neuen Medien für die geographische Wissenschaft

    – Empirische Forschung zur Disziplingeschichte

    – Methodologie und Methoden der empirischen Wissenschaftsforschung.

    Lasst uns die Methoden der Erkenntnis auf uns selbst anwenden!

  • L1-FS-007Geographische Hochschullehre: Wandel, Konstanten, Herausforderungen und Chancen. Teil 1: Impulse, Teil 2: Argumente
    Frau Dr. Angela HofHerr Prof. Dr. Ivo Mossig
    Universität Salzburg, Fachbereich Geographie und GeologieUniversität Bremen, AG Wirtschafts- und Sozialgeographie

    Kurzabstract

    Impulsbeiträge und Podiumsdiskussion mit interaktiver Beteiligung des Auditoriums zu aktuellen Konzepten und Strukturen geographischer Hochschullehre

    Exposé

    Geographische Hochschullehre unterliegt stetigen Veränderungen. Um Wandel und bestehende Konstanten zu erfassen und daraus resultierende Herausforderungen und Chancen zu thematisieren, ist die Fachsitzung als Doppelsitzung konzipiert: Vier Impulsreferate (Teil 1) bilden die Basis für eine Podiumsdiskussion (Teil 2). Zur Systematisierung unterscheiden wir drei Ebenen:

    Auf konzeptioneller Ebene stellt sich die Frage nach Konzepten einer zeitgemäßen Hochschullehre und deren Umsetzung in der Geographie. In welchem Umfang finden Kompetenzorientierung und der „shift from teaching to learning“ statt? Ist das in vielen Leitbildern verankerte „Forschende Lernen“ relevant? Welche Veränderungen des Geographiestudiums gehen mit Digitalisierung oder Internationalisierung einher? Wird die Schulgeographie mitgedacht?

    Die struktureller Ebene beleuchtet institutionelle Rahmenbedingungen. Die Verbesserung der Lehrqualität wird zunehmend gefordert und gefördert und gewinnt als Qualitäts- und Erfolgsfaktor der Hochschulentwicklung an Bedeutung. Zugleich ist zu hinterfragen, welche Effekte mit neuen, häufig wettbewerbsbasierten Steuerungsinstrumenten (z.B. Qualitätspakt Lehre) einhergehen? Welche Wirkung entfalten neue Methoden der Qualitätssicherung (Qualitätskreisläufe, Akkreditierungsverfahren)?

    Das Zusammenspiel zwischen konzeptioneller und struktureller Ebene wird auf der Akteursebene greifbar. Steigende Studierendenzahlen sowie eine zunehmende Heterogenität und Diversität der Studierenden sind festzustellen. Studierende sehen sich v.a. zum Studiumbeginn mit multiplen Herausforderungen konfrontiert. Mit welchen Konzepten und in welchen Strukturen kann diesen Herausforderungen angemessen begegnet werden? Mit welchen Veränderungen und Konstanten sehen sich die Lehrenden konfrontiert? Wie positioniert sich der wissenschaftliche Nachwuchs in einem Umfeld, in dem die Lehrqualität für die berufliche Karriere zunehmend wichtiger wird? Wie kann in Berufungsverfahren Lehrkompetenz angemessen festgestellt werden?

    Das Ziel der Fachsitzung ist, die drei Ebenen in je einem Impulsreferat zu beleuchten und ein Praxisbeispiel vorzustellen. Im zweiten Teil schließt die Podiumsdiskussion an, um die aufgeworfenen Fragen vertiefend zu diskutieren. Durch die Nutzung von Smartphones und Laptops wird das Auditorium einbezogen: Meinungsbilder werden in Echtzeit ermittelt oder Kommentare und Fragen aus dem Publikum fließen in Form eines moderierten Livetickers in die Podiumsdiskussion ein. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge.

  • L1-FS-008Vorstellungen vom ,guten Leben´ als Schlüssel zur Gestaltung von nachhaltiger Entwicklung: Synergien fachlicher und fachdidaktischer Perspektiven
    Frau Dr. Anna OberrauchHerr Prof. Dr. Lars Keller
    Pädagogische Hochschule Tirol, Zentrum für FachdidaktikUniversität Innsbruck, Institut für Geographie

    Kurzabstract

    Im Rahmen fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Zugänge zu Vorstellungen der Lebensqualität wird deren Bedeutung für eine partizipative Gestaltung nachhaltiger Entwicklung diskutiert.

    Exposé

    Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung zielt darauf ab, allen Menschen jetzt und in Zukunft ein gutes Leben zu ermöglichen. Ob und wie das gelingen kann, wird maßgeblich von den Vorstellungen der Menschen über gutes Leben abhängen. Werden ökologische Problemfelder menschlichen Ansprüchen zur Sicherung der Lebensqualität gegenübergestellt, die ihrerseits wieder durch soziale Mindeststandards begrenzt werden, ergeben sich scheinbar unvereinbare Zielkonflikte, die sich beispielsweise in Problemen des Ressourcenverbrauchs ausdrücken. Trotz der Dringlichkeit können nachhaltige Handlungsweisen und Lebensstile nicht top-down diktiert werden, sondern müssen in Einklang mit Vorstellungen vom guten Leben, Wohlstand oder Lebensqualität stehen und darum individuell sowie kollektiv (weiter-)entwickelt werden. Damit stellt die Thematik der Lebensqualität für die Geographie und ihrer Didaktik ein wichtiges Forschungsfeld dar: Was bedeutet Lebensqualität im Kontext globalisierter, digitalisierter Lebenswelten? Wie kann eine kritische, bewusste und lösungsorientierte Auseinandersetzung mit Fragen zur allgemeinen Lebensqualität (z.B. hinsichtlich regionaler und urbaner Entwicklung) und zur persönlichen Lebensqualität die Mitgestaltung einer Transformation zur nachhaltigen Entwicklung unterstützen? Welche Kraft haben in diesem Kontext positive Visionen, um transformative literacy, Selbstwirksamkeit und Freude an der Mitgestaltung von Veränderungsprozessen für ein nachhaltiges, gutes Leben zu unterstützen? Was kann dazu von alternativen Wohlstandsmodellen oder Pionieren des Wandels gelernt werden? Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen bedarf inter- und transdisziplinärer Zugänge und bildet einen Schlüssel für die partizipative Gestaltung eines breit getragenen Wandlungsprozesses.

    Im Rahmen dieser Vortragssitzung möchten wir Raum für den notwendigen multiperspektivischen Zugang zum Thema Lebensqualität vor dem Hintergrund des normativen Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung schaffen. Dazu laden wir zu vier 15 minütigen Impuls-Vorträgen ein, die aus fachwissenschaftlicher und/oder fachdidaktischer Perspektive einen theoretischen, empirischen oder praktischen Beitrag zur Diskussion der aufgezeigten bzw. weiterführenden Fragen vorstellen. In einer anschließenden Podiumsdiskussion sollen diese verbindend diskutiert werden.

  • L1-FS-009Zum Revival um ,Landschaft‘ 50 Jahre nach Kiel – Perspektiven einer neuen Landschaftsgeographie?!
    Herr Prof. Dr. Olaf KühneHerr Dr. Florian Weber
    Eberhard Karls Universität TübingenUniversität des Saarlandes

    Kurzabstract

    ,Landschaft‘ wurde vor 50 Jahren zum Tabu. Mit Diskussionen bspw. um die Energiewende ist ,Landschaft‘ nun aktueller denn je, was die Frage theoretisch-konzeptioneller Zugangsweisen mit sich bringt.

    Exposé

    ,Landschaftsforschung‘ bildete einmal den ,Kern unseres Faches‘, geriet aber aufgrund eher deskriptiver und essentialistisch ausgerichteter Zugänge in die Defensive und Kritik. In der Rückschau verwundert damit nicht, dass Diskussionen auf dem Kieler Geographentag 1969 kulminierten und mit der quasi berühmt-berüchtigten ,Kieler Wende‘ die humangeographisch ausgerichtete ,Landschaftsforschung‘ zugunsten eher positivistisch ausgerichteter Raumforschung verdrängte. Seit einer zwischenzeitlichen Tabuisierung ist viel passiert. Inspiriert durch angloamerikanische Forschungszugänge hat sich im deutschsprachigen Raum eine vielgestaltige konstruktivistisch inspirierte ,Landschaftsforschung‘ entwickelt. Auffällig ist dabei, dass diese sich zunächst insbesondere aus Raum- und Kulturwissenschaften und weniger – von Ausnahmen abgesehen – aus dem Fach Geographie speiste. Aber auch in der Human- beziehungsweise Kulturgeographie ist ,Landschaft‘ nun zurück – aber nicht mehr als Wesen, sondern als Konstrukt, das mit spezifischen Bedeutungen aufgeladen wird. Hiermit wird gesellschaftlicher Virulenz Rechnung getragen. So wird im Tourismusmarketing, der Rohstoffgewinnung und insbesondere im Zuge der Energiewende auf vielfältige Weise auf ,Landschaft‘ rekurriert, wozu analytische Zugänge gesucht werden, um sich nicht einem Ausschnitt ,sozialer Wirklichkeiten‘ aktiv zu verschließen. Es ergeben sich entsprechend heute wieder neue ,Umbrüche und Aufbrüche‘ – und damit angepasste Konzeptionalisierungen zu ,Landschaft‘ mit sozialkonstruktivistischen, diskurstheoretischen, gouvernementalitätsbezogenen und weiteren Zugängen. Einsteigend mit drei Fachvorträgen als Impulsgeber möchten wir im Anschluss Diskussionen Raum bieten, um die Frage zu erörtern, wo wir heute stehen und inwieweit sich von einer ,neuen Landschaftsgeographie‘ sprechen ließe, die sich ihrer Vergangenheit bewusst ist und so zeitgemäße theoretisch-konzeptionell und methodisch fundierte Zugänge zum facettenreichen Konstrukt ,Landschaft‘ anbietet. Wir freuen uns entsprechend auf Beiträge, die sich dezidiert aus einer theoretisch-fundierten Richtung her der skizzierten Thematik annähern.

  • L1-FS-010Umbrüche und Aufbrüche in der Historischen Geographie – Wege zurück ins Fach?
    Herr Patrick ReitingerHerr David Fuchs
    Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Professur für Historische GeographieEberhard-Karls-Universität Tübingen, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie

    Kurzabstract

    Im Fokus der Sitzung steht die Frage nach der Rolle der Historischen Geographie im 21. Jahrhundert und ihrer Entwicklungspotentiale innerhalb der Geographie an der Schnittstelle von Raum und Zeit.

    Exposé

    Historische Geographie(n), Geschichte der Geographie, Historische Kulturlandschaftsforschung – es gibt viele Versuche, Historizität und Raum (wieder) zusammenzuführen. Alle diese Ansätze setzen verschiedene Akzente: Sie beschäftigen sich mit der Frage nach dem historischen Gewordensein rezenter Raumstrukturen, mit der historischen Bedeutung von Geograph*innen für die Entwicklung des eigenen Faches, mit geographischem Denken im Zuge vergangener politischer Prozesse und Konflikte, mit der Genese landschaftlicher Strukturen und der raumzeitlichen Rekonstruktion längst vergangener Lebenswelten.

    Zu diskutieren sind Fragen nach den theoretischen Grundlagen, nach der methodischen Vorgehensweise und der historischen Tiefe im Zuge historisch-geographischer Forschung. Gefragt sind Beiträge, die sich mit der Zukunft des Faches beschäftigen und ausloten, welche Schritte zu unternehmen sind, um die Bedeutung und gegenwärtige Relevanz der Historischen Geographie in Forschung Lehre wieder stärker in den Fokus zu rücken. Viele mögliche Fragen sind dabei hochaktuell: Wie können Forschungen zu Naturkatastrophen im frühen Mittelalter mit aktuellen theoretisch-konzeptionellen Debatten der Neuen Kulturgeographie verbunden werden? Eignet sich die Historische Geographie, um die Trennung von Humangeographie und Physischer Geographie zu überwinden? Wie können klassische Methoden der Kulturlandschaftsforschung mit Methoden der empirischen Sozialforschung verbunden werden? Welche Möglichkeiten bieten GIS und Digital Humanities für die Erforschung historischer gesellschaftlicher Raumverhältnisse?

    Die Fachsitzung soll zusammenführen und verbinden. Sie stellt die Vorschläge von Nachwuchswissenschaftler*innen zur Zukunft der Historischen Geographie in den Mittelpunkt und möchte diese Ideen mit verschiedenen Vertreter*innen des Faches dahingehend diskutieren, inwiefern sie sich eignen, die Historische Geographie in die Mitte geographischer Forschung und Lehre zurückzuführen. Vor allem möchte sie den Dialog ermöglichen zwischen Vertreter*innen mit unterschiedlichen Fachverständnissen, mit Befürwortern und Kritikern der bisherigen Entwicklungen im Fach. Vor allem der wissenschaftliche Nachwuchs soll dazu ermuntert werden, die Frage Wozu Historische Geographie? auf innovative Art zu beantworten und zusammen mit etablierten Wissenschaftler*innen die Aufbrüche und Umbrüche der Historischen Geographie 50 Jahre nach Kiel gemeinsam zugestalten.

  • L1-FS-011Geographien der Landnutzung im Wandel
    Herr Prof. Dr. Karl-Heinz ErdmannHerr Prof. Dr. Hans-Rudolf Bork
    Bundesamt für NaturschutzInstitut für Ökosystemforschung - Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

    Kurzabstract

    Die Entwicklung der Geographien der Landnutzung und des Landmanagements in den vergangenen 50 Jahren werden kritisch analysiert und Zukunftsperspektiven aufgezeigt.

    Exposé

    In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Geographien der Landnutzung und des Landmanagements entscheidend gewandelt. Während nicht-geographische Agrar- und Forstforschungsinstitute des Bundes und der Länder sowie die universitäre agrar-, forst-, planungs-, regional- und allgemein umweltwissenschaftliche Forschung und Lehre ihre Profile in diesem Zeitraum entscheidend geschärft und an den gewachsenen Bedarf angepasst haben, entwickelten sich viele der klassischen Pendants in der Geographie, darunter die traditionelle Agrargeographie, nicht nur nicht weiter, sie existieren nicht mehr.

    Eine umfassende moderne Landnutzungs- und Landmanagementgeographie ist trotz der hohen gesellschaftlichen Bedeutung des Themas im Kontext des regionalen und globalen Wandels und vor dem Hintergrund der breiten fachwissenschaftlichen Auffächerung der Masterstudiengänge nur in wenigen Ausnahmefällen an ihre Stelle getreten. Die Geographie des ländlichen Raumes kann sie nicht ersetzen, da auch die urbanen und suburbanen Räume zukünftig einer weitaus intensiveren Landnutzung unterliegen werden.

    Gerade die geographische Forschung und Lehre ist prädestiniert, breite Themenfelder integrativ zu bearbeiten, die die Nutzung des Landes vom modernen Natur-, Gewässer- und Bodenschutz über die hochmechanisierte Agrar-, Forstwirtschaft, den hocheffektiven Garten- und Obstbau bis zur immer bedeutender werdenden industriellen Nahrungsmittelproduktion in Städten umfasst. Erforderlich ist eine Geographie, die diesen Bereich integrativ analysiert, bewertet und Managementmaßnahmen weiterentwickelt. Dies macht erforderlich, dass sie die modernen Methoden von Landschaftsökologie, Geomorphologie, Boden-, Vegetations-, Klima-und Hydrogeographie einschließt. Gerade vor dem Hintergrund der angestrebten nachhaltigen Entwicklung, wie sie in den sustainable development goals der Vereinten Nationen formuliert ist, besteht ein dringender Handlungsbedarf auf allen Raumebenen.

    In der Fachsitzung sollen Entwicklungen der raumbezogenen Landnutzungsforschung und -lehre (mit dem Schwerpunkt Geographie) in den vergangenen 50 Jahren aufgezeigt, der heutige Forschungs- und Lehrbedarf formuliert und Ideen zur Schließung der beschriebenen Defizite aufgezeigt werden.

    Vortragssitzung mit 4 Referaten.

  • L1-FS-012Umbrüche und Aufbrüche – aktuelle Perspektiven der Geographischen Ostmitteleuropaforschung
    Frau Dr. Annett SteinführerHerr Patrick Reitinger
    Thünen-Institut für Ländliche RäumeOtto-Friedrich-Universität Bamberg

    Kurzabstract

    Neben einer Bestandsaufnahme und Standortbestimmung der Geographischen Ostmitteleuropaforschung werden deren Entwicklungspotenziale im (inter)disziplinären und (inter)nationalen Kontext diskutiert.

    Exposé

    Im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung und aufgrund struktureller Ähnlichkeiten der postsozialistischen Transformationsprozesse in Tschechien, Polen, Ungarn und der Slowakei mit denen der ostdeutschen Bundesländer ließ sich in den 1990er und frühen 2000er Jahren – stark beeinflusst vom Theorie- und Politik-Paradigma der nachholenden Modernisierung – ein gewisses Interesse der deutschsprachigen Geographie an Einzelfall- und Vergleichsstudien in Ostmitteleuropa feststellen. Neben thematischen Studien etwa zur ökonomischen Transformation oder zur Stadtentwicklung waren Forschungen zu den deutsch-tschechischen und deutsch-polnischen Grenzräumen besonders ausgeprägt. Mit der geopolitischen Zugehörigkeit dieser Staaten zur Europäischen Union seit 2004 ergaben sich zahlreiche neue Forschungsfragen, und doch scheint das Interesse der deutschsprachigen Geographie in den letzten Jahren abgeflaut.

    Die Fachsitzung strebt eine Zusammenschau der aktuellen Geographischen Ostmitteleuropaforschung mit einem Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum an. Welche Forschungsfragen werden mit welchen theoretischen Fundierungen und mit welchen methodischen Zugängen untersucht? Welche Bedeutung kommt knapp 30 Jahre nach dem Ende des Realsozialismus Prozessen und Folgen der postsozialistischen Transformation zu? Wie überlagern sich diese beispielsweise mit dem sozialistischen Erbe, mit Institutionen der Europäischen Union und/oder der wirtschaftlichen Globalisierung? Welche transnationalen oder komparativen Perspektiven werden in Bezug auf Grenzräume und ländliche Peripherien in Ostmitteleuropa angelegt? Welche methodologischen Herausforderungen stellen sich für Einzelfall- und Vergleichsstudien?

    Schließlich geht es auch um Perspektiven für künftige Projekte und offene Forschungsfragen. Welchen Beitrag kann die Geographische Ostmitteleuropaforschung zur Diskussion um die Notwendigkeit einer Regionalen Geographie leisten? Wie lassen sich geographische Arbeiten in die interdisziplinären und internationalen Diskussionen rund um die Area Studies integrieren? Welche Theorie- und Methodendiskussionen aus der Historischen Ostmitteleuropaforschung oder der Europasoziologie lassen sich in die geographische Debatte integrieren?

  • L1-FS-013Wissensordnungen im/des Anthropozän(s)
    Herr Prof. Dr. Pascal GoekeFrau Prof. Dr. Antje Schlottmann
    Freie Universität Berlin, Institut für Geographische WissenschaftenGoethe-Universität Frankfurt, Institut für Humangeographie

    Kurzabstract

    Die Anthropozänthese stellt bekannte Wissensordnungen radikal in Frage. Wo, wie und mit welchen Folgen für die (geographische) Wissenschaft sie das macht, ist Thema der Sitzung.

    Exposé

    Vor bald 20 Jahren wurde angesichts außer Kontrolle geratender Mensch-Natur-Verhältnisse der naturwissenschaftliche Zeitgeist in Form einer einfachen Realdefinition auf den Begriff des Anthropozäns gebracht. Diese Bündelung von unterschiedlichsten Erkenntnissen über den Planeten Erde oder gar Rahmung allen Wissens in einer Formel (vgl. Big History Project) provozierte Resonanzen in nahezu allen Disziplinen und in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie etwa der Politik und der Kunst. Bei der Wanderung durch die sozialen Welten kam es zu Koalitionen mit anderen Theorieströmungen (z.B. Posthumanismus), wurde der Kerngedanke verwendet, um eigene Theorien und politische Positionen zu stärken (z.B. Latours Kampf um Gaia) oder um dem disziplinären Anliegen mehr Gewicht zuverleihen (z.B. Erdsystemwissenschaften). Aber auch Kollisionen mit anderen Theorien (z.B. Politische Ökologie), Disziplinen (z.B. Geographie) oder Forschungstraditionen (z.B. Nachhaltigkeitsforschung) blieben nicht aus. Folglich zeigt sich heute ein schillernder Begriff, der trotz und oder gerade wegen aller kritischen Debatten um seinen Sinngehalt und seine Verwendung hochgradig widerständig zu sein scheint.

    Die Fachsitzung nimmt diese Tatsache als Ausgangspunkt, um dreierlei zu fragen:

    1. Wo, wie und mit welchen Folgen im Kontext gesellschaftlicher Umwelt-/Raum-/Naturverhältnisse wird der Begriff Anthropozän textlich wie bildlich eingesetzt, z.B. als Realdefinition, als Weltbeobachtungsformel, als Narration, als gepflegte Semantik, als politischer Legitimationsbegriff, als Bildungsbegriff etc.?

    2. Welche Wissensordnungen stellen sich im Anthropozän ein (für jene, für die das Anthropozän erdsystemische Realität ist) oder welche Wissensordnungen stellen sich durch die Rede vom Anthropozän ein (für jene, die den konstruktiven Charakter des Anthropozäns für entscheidend halten)?

    3. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesem Nachdenken über die Verwendung des Begriffs für ein Neudenken oder Andersdenken von (geographischer) Wissenschaft, ihrer Narration und ihrer Methoden?

    Im Idealfall lernen wir bei den drei bis vier ca. 15 minütigen Vorträgen und anschließenden Diskussionen mehr über die erkenntnistheoretische Positionierung und normative Ausrichtung geographischen Denkens und Tuns im, mit dem oder ohne das Anthropozän.

  • L1-FS-014Erfahrung, Reflexion, Vermittlung. Phänomenologische Perspektiven in Geographie und Geographiedidaktik
    Herr Dr. Fabian PettigFrau Dr. Eva Nöthen
    Friedrich-Schiller-Universität JenaGoethe-Universität Frankfurt

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung fragt nach den Gelingensbedingungen eines phänomenologischen Forschungsstils und lotet dessen Erkenntnispotentiale für geographische wie geographiedidaktische Fragestellungen aus.

    Exposé

    Seit dem Geographentag in Kiel 1969 haben Einflüsse der humanistic geography in der deutschsprachigen Humangeographie zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dennoch wurde die Verschränkung phänomenologischer und geographischer Forschungsweisen – worum sich die humanistic geography unter anderem bemühte – bisher eher punktuell als paradigmatisch verfolgt. Es lässt sich allerdings in den letzten Jahren eine verstärkte Hinwendung zu phänomenologischen Positionen in der Geographie und vereinzelt auch in der Geographiedidaktik erkennen. In den Blick rücken u. a. Fragen zur leiblichen Grundierung räumlicher Erfahrungen, zur Bedeutung von Atmosphären und Materialität für räumliches Erleben oder zur Bedeutsamkeit räumlicher Erfahrungen für Bildungsprozesse. Diese Positionen zu bündeln, sichtbar zu machen und miteinander in Dialog zu bringen, um hierüber das Gemeinsame – spezifisch Geographische – dieser Zugangsweisen herauszustellen, ist Ziel der Fachsitzung „Erfahrung, Reflexion, Vermittlung. Phänomenologische Perspektiven in Geographie und Geographiedidaktik“.

    So verstehen wir die Fachsitzung als Plattform, sich einerseits über theoretische Bezüge und methodische Herangehensweisen („Forschungsstile“) sowie andererseits über die Bedeutsamkeit von Erkenntnissen phänomenologischer Forschung für geographiedidaktische Fragestellungen („Erkenntnispotentiale“) zu verständigen. Hierzu schlagen wir die folgenden Leitfragen vor und laden zu Diskussionsbeiträgen ein:

    – Welche Potentiale und blinden Flecken bergen phänomenologische Perspektiven für die geographische und geographiedidaktische Forschung?

    – Welche epistemologischen und methodologischen Herausforderungen bringt ein phänomenologischer Forschungsstil in der Geographie und Geographiedidaktik mit sich?

    – Welche Spezifika sind phänomenologischen Zugangsweisen geographischer und geographiedidaktischer empirischer Forschung zu Eigen?

    – Wo bietet eine phänomenologische Perspektive auf Raum und Räumlichkeit Anschlussstellen an andere theoretische Zugänge?

    – Welche Bildungsanlässe impliziert eine phänomenologische Thematisierung von Raum und Räumlichkeit in erfahrungsbezogener Perspektive?

    – Inwiefern können Implikationen eines phänomenologischen Forschungsstils auf die geographische Vermittlungspraxis übertragen werden?

    Die Fachsitzung ist für vier Vorträge (15 Minuten) samt jeweils anschließender Diskussion (5 Minuten) geplant. Es sind theoretisch-konzeptuelle, methodisch, empirische sowie vermittlungspraktische Beiträge willkommen.

  • L1-FS-015„Krise“ als Konzept? Geographische Perspektiven auf eine Gegenwartsdiagnose
    Frau Dr. Verena BrinksHerr Prof. Dr. Jürgen Oßenbrügge
    Leibniz-Institut für Raumbezogene SozialforschungUniversität Hamburg

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung widmet sich dem Konstrukt „Krise“ und möchte die Rolle der Geographie für die Konzeptualisierung von Krisen und -dynamiken anhand empirischer und konzeptioneller Beiträge diskutieren.

    Exposé

    „Krise“ ist zu einer allgegenwärtigen Gegenwartsdiagnose geworden. Auch in der Geographie ist Krise ein omnipräsenter Begriff, der vor allem themenbezogen verwendet wird, etwa im Kontext der Finanzkrise, der Klimakrise oder politischer Krisen. Ansätze zu einem generischen und konzeptionellen Verständnis von „Krise“ stehen dagegen noch am Anfang. Es stellt sich die Frage, ob „Krise“ überhaupt als eigenständiges analytisches Konzept fassbar ist. Krisendiagnosen sind überaus divers und werden sowohl für langfristige Zustände und als Ausdruck von Kritik (z.B. „Krise der Demokratie“) getätigt als auch für kurzfristige Ereignisse von hoher Dramatik und Handlungsdruck (z.B. Naturkatastrophen). In der Krisenmanagement-Forschung werden Krisen vorwiegend in ihrer Zeitlichkeit betrachtet und in Phasen (Prä-Krise, akute Krise, Post-Krise) unterteilt. In dieser Literatur wird darauf verwiesen, dass Krisen nicht notwendigerweise etwas Schlechtes sind, sondern Wendepunkte darstellen, die möglicherweise auch Gelegenheitsfenster für Veränderungen öffnen. Dies impliziert, dass Krisen eigene raumzeitliche Dynamiken entfalten und Krisen-Framings für die involvierten Akteure (Entscheidungsträger*innen, Betroffene, Expert*innen, Berater*innen, Medien) abweichende Handlungskontexte (im Vergleich zu Nicht-Krisenzeiten) darstellen. Die Fachsitzung widmet sich im klassischen Format (drei bis vier Vortragspräsentationen + jeweils anschließende Diskussionen) Krisenkonzepten und -zugängen aus räumlicher Perspektive. Explizit erwünscht sind Beiträge aus verschiedenen Richtungen der Geographie. Die Sitzung lädt Vortragende ein, die sich empirisch oder konzeptionell mit Krisen auseinandersetzen und deren Beiträge sich der Bandbreite der folgenden Themen zuordnen lassen:

    Krisenkonzepte und -verständnis: Welchen Beitrag kann die Geographie zu einem analytischen Verständnis von Krise leisten? Welchen Mehrwert bietet eine Konzeptualisierung von Krise für die Geographie und für die Bewältigung (globaler) Herausforderungen?

    Krisenverlauf und -dynamiken: Welche Akteure sind in Krisen involviert und wie beeinflussen diese den Krisenverlauf und die Krisenbewältigung? Welche Orte und Räume konstituieren sich in Krisen? Durch welche raum-zeitlichen Dynamiken sind Krisen gekennzeichnet? Welche Auswirkungen hat die Zuschreibung als „Krise“ für die Bewältigung von Situationen? Welche Möglichkeitsräume entstehen durch Krisen?

  • L1-FS-016Die Region nach dem Wachstumsparadigma? Konzepte von Postwachstums- und alternativen Entwicklungsökonomien in der Diskussion
    Herr Dr. Bastian LangeHerr Prof. Dr. Samuel Mössner
    Universität Vechta/Universität LeipzigWestfälische Wilhelms-Universität Münster

    Kurzabstract

    Thematisiert werden Konzeptionen auf sozio-ökonomische Transitionen und Postwachstumstransformationen. Im Zentrum steht die Frage, wie Postwachstum in wachstumsstabilen Regionen verhandelt wird.

    Exposé

    Die Fachsitzung zielt darauf ab, unterschiedliche konzeptionelle Sichtweisen auf sozio-ökonomische Transitionen und Transformationen auf regionaler Ebene zu diskutieren, die aus unterschiedlichen Disziplinen in den vergangenen Jahren vorgelegt wurden (Boschma/ Coenen et al. 2017, Coenen/ Benneworth et al. 2012). Es soll hinterfragt werden, inwiefern die Diskussion um Transformationen und Transitionen (im Kontext von Nachhaltigkeit und Postwachstum) gerade in von Wachstum geprägten Regionen zugleich eine Beharrung an und Manifestation von alten tradierten Wachstumslogiken und Machtpositionen hervorruft.

    Unter dem Einfluss neuer, aktueller Entwicklungen – etwa der sog. Verkehrswende, der Förderung einer nachhaltigen sozial-ökologischen Entwicklung und anderen Entwicklungen, die auf die Institutionalisierung sog. alternativer wirtschaftlicher Räume hindeuten (Krueger et al. 2017) – sehen sich dezentrale wachstumsverhaftete Regionen mit einem profunden Wandel konfrontiert, der nicht nur mit erheblichem Förderaufwand und großen Imagekampagnen seitens der Politik begleitet und von Wissenschaft und Praxis gleichermaßen gefordert wird (WBGU 2016), sondern auch das vorherrschende Dogma wirtschaftlichen Wachstums in Frage stellt.

    Ziel ist es, detaillierter zu verstehen, wie diese widerstreitenden Logiken zwischen Stabilität und Wandel verhandelt und die oben genannten Herausforderungen umgesetzt werden. Des Weiteren bitten wir um Beiträge, die beleuchten, wie Prozesse der Steuerung dieses Widerspruchs zwischen Wachstum und nachhaltigem Wandel ausgehandelt werden. Erfolgt eine regionale Anpassung nur unter Beibehaltung alter und tradierter Wachstumsparadigmen? Anhand welcher Indikatoren und Narrative kann postwachstumsökonomischer Wandel in der Region (trotzdem) sichtbar gemacht werden?

    In der Fachsitzung geht es damit um die Frage, wie sich regional-kognitiv verortete und zu beobachtende Widersprüchlichkeiten zwischen Stabilität und Tradition einerseits und der Notwendigkeit zum Experimentieren, zum Wandel und mutigen Umsteuern hin zu alternativen (ökonomischen) Mustern andererseits regional verhandelt werden. Dazu werden Referierende eingeladen, konzeptionelle und/oder empirische Ansätze in Referaten zu präsentieren, die die Schwierigkeiten der Umsetzung von Transformationen auf regionaler Ebene vorstellen und in einen theoretischen Rahmen eingebettet diskutieren.

  • L1-FS-017Ökosystemleistungen als Konzept für eine integrative, transdisziplinäre und angewandte Geographie im Wandel
    Herr Prof. Dr. Benjamin BurkhardHerr Prof. Dr. Felix Müller
    Leibniz Universität Hannover - Institut für Physische Geographie und LandschaftsökologieChristian-Albrechts-Universität Kiel - Institut für Natur- und Ressourcenschutz

    Kurzabstract

    Ökosystemleistungen beschreiben Wechselwirkungen in komplexen Mensch-Umweltsystemen und bieten ein hervorragendes anwendungsbezogenes Feld für die Forschung und Lehre einer integrativen Geographie.

    Exposé

    Mit Ökosystemleistungen lässt sich die Abhängigkeit der menschlichen Gesellschaft von einer gesunden, biodiversen und funktionsfähigen Natur beschreiben und verdeutlichen. Viele menschliche Aktivitäten, wie zum Beispiel Land- und Forstwirtschaft, Fischerei oder Tourismus sind mit direkten Land- und Meeresnutzungen verbunden und basieren auf komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt. Diese Interaktionen finden unter sehr spezifischen raumzeitlichen Rahmenbedingungen statt und sind von biotischen und abiotischen Komponenten und deren ökosystemaren und anthropogenen Interaktionen abhängig. Das Konzept der Ökosystemleistungen stellt einen transdisziplinären Rahmen bereit, um komplexe Wechselwirkungen zu erkennen, zu quantifizieren, zu analysieren und schließlich im Rahmen nachhaltiger Umwelt- und Ressourcennutzungsstrategien zu bewerten. Die Geographie – als integrative und transdisziplinäre Wissenschaft – kann basierend auf dem ihr eigenen ganz heitlichen und raumzeitlichen Systemverständnis hervorragend in diesem Rahmen agieren und die entsprechenden Methoden, Daten und Kenntnisse für die erforderlichen Analysen bereitstellen.

    Ökosystemleistungen werden in regulierende Leistungen (z.B. Nährstoff- oder Klimaregulierung, Erosionskontrolle), Versorgungsleistungen (z.B. Nahrung, Wasser, Brennstoffe) und kulturelle Leistungen (u.a. Erholung, Landschaftsästhetik) untergliedert. Raumbezogene Bewertungen dieser Leistungen können zunächst den klassischen Themenfeldern der Geographie zugeordnet werden und im Rahmen integrativer Analysen die Multifunktionalität unserer Landschaften deutlich machen. So stellen Wälder beispielsweise nicht nur Holz bereit, sondern leisten auch wichtige Beiträge zur Landschaftsästhetik, Erholung, Wasser-, Nährstoff- und Klimaregulierung. Vor allem die Erfassung und Quantifizierung von Synergien und Zielkonflikten verschiedener Ökosystemleistungen in Räumen unterschiedlicher Naturausstattung und Nutzung stellen wichtige Informationen für Umweltmanagement und -planung bereit und das Interesse der Politik, insbesondere auf EU-Ebene, ist in den letzten Jahren stark angestiegen.

    In der Fachsitzung sollen anhand von Fachvorträgen aus verschiedenen Projekten (u.a. BMBF, EU) die Potentiale einer integrativen, transdisziplinären und angewandten Geographie im Rahmen des Ökosystemleistungskonzeptes erörtert sowie angewandte Fallstudien auf verschiedenen raumzeitlichen Skalen präsentiert und diskutiert werden.

  • L1-FS-018Infrastructure//Space: grasping infrastructural relations in the Global North and South
    Herr Dr. Sören BeckerHerr Dr. Gerald T. Aiken
    Universität Bonn ( Geographisches Institut)Institute of Geography and Spatial Planning / Université du Luxembourg

    Kurzabstract

    This session discusses the spatiality of different kinds of infrastructure, and their transformation. It grasps the engagement with technical, ecological and social infrastructures on various scales.

    Exposé

    Debates around sustainable cities, energy transitions but also the development of digital communication technologies have put infrastructures at the centre geographic inquiry. Even though the definition of infrastructure is in constant flux, infrastructures are connected to the notion of hidden skeleton enabling the core functions of our society. Throughout the social sciences, work after the ‘infrastructural turn’ has focussed on a variety of issues: infrastructures as the hidden guarantor of global links and the current world order (Easterling2014); infrastructure as reflecting and (re)producing social and spatialinequities (Graham and Marvin 2001); the transformation of infrastructures through political struggles and subjectivities (Luque-Ayala and Silver 2018); and Infrastructures as made and remade through practice and everyday life. Across the various debates on different realms of energy, water, communication, waste, greenspace, education, and other technical ecological and social infrastructures, infrastructure research has served as an entry point for a critical theorisation of social relations from different epistemic and theoretical perspectives.

    This paper session builds upon these debates while explicitly targeting the spatial features of infrastructures and their transformation on various scales and in different uneven geographical contexts. As often debates are pursued in rather segregate fields such urban, energy, or development geography, we seek to combine contributions across these debates to conceptually and empirically advance the understanding of spatial features in various kinds of infrastructure transitions.

    Following these aims, this section invites contributions that assess, among others:

    · Global and/or hidden infrastructures of trade, finance, and data

    · Infrastructure, power and political struggles around infrastructure transformation

    · Issues of scale and spatial fit in infrastructure governance

    · Uneven access and development of infrastructures in the Global North and South

    · The making and appropriation of infrastructures through practice

    · Digital spaces and the development of infrastructures

  • L1-FS-019Qualitative Geographie sichtbar machen: Visualisierung qualitativer raumbezogener Forschungsergebnisse
    Frau Lea BauerFrau Dr. Kristine Beurskens
    Universität LeipzigLeibniz-Institut für Länderkunde

    Kurzabstract

    Die Sitzung hat zum Ziel, Ansätze der Visualisierung qualitativer raumbezogener Forschungsergebnisse aufzuzeigen und deren epistemologische und methodische Herausforderungen zu diskutieren.

    Exposé

    Geht es in der deutschsprachigen Geographie um Visualisierungen von Forschungsdaten und -ergebnissen, so wird in erster Linie an Karten und GIS auf Basis quantitativer Daten gedacht. In der Literatur zur qualitativen raumwissenschaftlichen Methodik lässt sich ein kleiner Fundus zu visuellen Methoden der Erhebung und Exploration qualitativer Daten ausmachen (siehe Visuelle Geographien). Auf die Präsentation von Ergebnissen wird jedoch selten eingegangen, und wenn doch, dann vor allem als textbasierte Formate. Eine systematische Auseinandersetzung mit Ansätzen der visuellen Kommunikation qualitativ-raumbezogener Ergebnisse steht bisher noch aus.

    Dennoch finden sich in qualitativen geographischen Forschungsarbeiten Beispiele von Visualisierungen zur Darstellung von Forschungsergebnissen. Das Spektrum reicht von Schemata zur Forschungsdesign-Visualisierung über Fotos bishin zu Graphiken zur Veranschaulichung von alltäglichen Praktiken der Beforschten oder Karten zur raumbezogenen Orientierung.

    Was bisher fehlt, ist eine gezielte Auseinandersetzung mit der erkenntnistheoretischen Bedeutung und den praktischen Herausforderungen der Herstellung von Visualisierungen qualitativer Daten. Wie leicht oder schwer fällt die Einbindung visueller Materialien oder die Übersetzung von Ergebnissenin visuelle Präsentationen? Zu welchem Zweck entstehen sie und mit welchen Vorteilen und Risiken sind sie verbunden? Wie können wir die Fallstricke umgehen, die mit Visualisierungen in der Geographie in Bezug auf Wirkmächtigkeit und (Re)produktion von raumbezogenen Imaginationen verbunden sind (vgl. u.a. Crang 2003, S. 494)?

    Mit der Fachsitzung wollen wir eine stärkere Debatte um die Möglichkeiten und Grenzen der Sichtbarmachung qualitativer raumbezogener Forschung anstoßen. Wir suchen 4-6 Beiträge (à 10 – 15 Min), die eigene Erfahrungen mit der Visualisierung qualitativer Forschungsergebnisse schildern, daran die Eigenheiten/Fallstricke der Umsetzung qualitativer Forschungslogik in Visuelles beispielhaft darstellen und den Bezug zu erkenntnistheoretischen Hintergründen diskutieren. Auch konzeptionelle Diskussionsbeiträge zu den oben genannten Fragen sind willkommen.

    Die Sitzung wird durch zwei Discussants unterstützt: Frank Meyer und Francis Harvey (Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig).

  • L1-FS-020Postwachstumsökonomien: Herausforderung für raumwissenschaftliche Konzepte
    Herr Prof. Dr. Christian SchulzFrau Dr. Sabine Weck
    Universität Luxemburg, Institut für Geographie und RaumplanungILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH

    Kurzabstract

    Angesichts aktueller Postwachstumsdebatten werden etablierte raumwissenschaftliche Konzepte dahingehend geprüft, ob und mit welchen Folgen sie einer traditionellen Wachstumsorientierung verhaftet sind.

    Exposé

    Vor dem Hintergrund aktueller Debatten zu Postwachstumsökonomien sollen in dieser Fachsitzung etablierte Konzepte der Raumwissenschaften, Modelle der Wirtschaftsgeographie sowie die gebräuchlichen Indikatoren für die Definition und Erfassung von Innovation und Entwicklung auf dem Prüfstand stehen. Inwieweit sind Leitbilder und Modelle der räumlichen Planung und Entwicklung (noch) in dem vorherrschenden Wachstumsparadigma verhaftet? Welche Begriffe und Konzepte bedürfen der Erweiterung bzw. Anpassung?

    In der Fachsitzung soll auch diskutiert werden, inwieweit neue planerische oder räumliche Praktiken bereits eine faktische Abkehr von dominierenden Wachstumsleitbildern erkennen lassen und welche konzeptionellen Schlussfolgerungen sich daraus ableiten lassen. Welche räumliche Bedeutung kommt Postwachstumsphänomenen und alternativen Wirtschafts­formen zu? Welchen Einfluss haben Gemeinwohl- und Nachhaltigkeitsorientierung auf Organisationsformen, Unternehmensstrategien, Innovationspolitik, Infrastrukturen und Siedlungsentwicklung? Inwieweit fordern sie bisherige Konzepte und Methoden heraus?

    Es stellt sich zudem die Frage, wie das Verständnis von „Wirtschaft“ über rein marktliche Transaktionen hinaus erweitert werden kann, um andere, für gesellschaftliches Wohlergehen, Reproduktion und soziale Kohäsion relevante Tätigkeiten zu erfassen (Kindererziehung und häusliche Pflege, Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt etc.). Neben Konzepten und Begriffen sind auch die gegenwärtig verwendeten Indikatorensysteme zur Messung von Entwicklungsprozessen neu zu bewerten (z.B. BIP, Arbeitslosenquoten, Forschungsausgaben, Patentanmeldungen). Verbunden damit ist die Frage der Verfügbarkeit von Daten für holistische Wohlstandsindikatoren und deren (internationale) Vergleichbarkeit.

    Eingeladen sind konzeptionelle Beiträge, die etablierte Forschungsperspektiven sowie raumwissenschaftliche Modelle und Annahmen aus der Perspektive aktueller Postwachstumsdebatten kritisch hinterfragen und ggf. notwendige Erweiterungen diskutieren. Aktuelle Schlüsselbegriffe und deren Verwendung in der wirtschaftsgeographischen Forschung (z.B. Entwicklung, Innovation, Unternehmen) sollen kritisch diskutiert werden. Planungstheoretische Beiträge sind ebenso willkommen.

    Diese Sitzung wird unterstützt vom Arbeitskreis Postwachstumsökonomien in der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL).

  • L1-FS-021Feministische Geographien der Technologie, Digitalität und Hybridität
    Frau Prof. Dr. Nadine MarquardtFrau Prof. Dr. Carolin Schurr
    Universität Bonn, Geographisches InstitutUniversität Bern, Geographisches Institut

    Kurzabstract

    Was sind die Potentiale der feministischen Science & Technology Studies für die Erforschung von Technikentwicklung, Verkörperungsprozessen und Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen in der Geographie?

    Exposé

    Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Problemlagen – technologische Eingriffe in biologische Prozesse, ökologische Katastrophen, digitale Transformationen etc. – fordern die Sozial- und Kulturwissenschaften heraus, das Verhältnis von Gesellschaft, Natur und Technik neu zu denken. Die feministische Wissenschafts- und Technikforschung (STS) leistet bereits seit den 1980er Jahren entscheidende Beiträge zur Infragestellung moderner Grenzziehungen zwischen Technischem und Sozialem, Natürlichem und Künstlichem, Vernunft und Gefühl, menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren. Charakteristisch für die feministische STS ist, dass sie Herrschaftsverhältnisse und Ausschlüsse in der Wissensproduktion kritisiert und der Reproduktion von Macht- und Ungleichheitsbeziehungen durch technologische Entwicklungen nachgeht. Dabei wenden sich jüngere Arbeiten von einer radikalen feministischen Patriarchatskritik an neuen Technologien ab. Sie setzen sich auf differenzierte Art und Weise mit den Effekten von neuen Technologien auf die Gesellschaft und dem emanzipatorischen Potenzial der technischen Hybridisierungen von Natur und Kultur auseinander.

    Mit ihrer Kritik wissenschaftlicher und technischer Rationalitäten und ihrem Fokus auf hybride Mensch-Maschine-Relationen, neue (bio-)technologische Entwicklungen und die Vervielfältigung von „naturecultures“ (Haraway) inspirieren die feministischen STS inzwischen auch geographische Forschungsarbeiten. In diesem Panel diskutieren wir, welche Impulse die feministischen STS in der deutschsprachigen Geographie für die Erforschung von Technikentwicklung, Verkörperungsprozessen und Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen gegenwärtig setzen. Wir freuen uns über Beiträge, die sich mit z.B. mit den folgenden Themen konzeptionell und/oder empirisch auseinandersetzen:

    * Medizinische Technologien (z.B. Gen- und Reproduktionstechnologien, Prothetik);

    * digitale Informations- und Kommunikationstechnologien, Robotik;

    * „Grüne“ Biotechnologien in Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie etc.;

    * Neue bio- und technopolitische Regime;

    * Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren (posthumanist geographies, naturecultures, companion species, multispecies ethnography);

    * Mensch-Maschine-Interaktionen, eigensinnige Aneignungen und Anwendungen von Technologien;

    * Körper- und Verkörperungskonzepte;

    * Parallelen und Anknüpfungspunkte der feministischen STS mit weiteren Ansätzen wie STS, ANT, Poststrukturalismus, Neuer Materialismus etc.

  • L1-FS-022Reallabore in der Geographie: alter Wein in neuen Schläuchen?
    Frau Dr. Charlotte RäuchleFrau Mag. Mona Wallraff
    Universität Osnabrück, Institut für GeographieILS - Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung widmet sich dem transdisziplinären und transformativen Reallabor-Konzept und befragt es kritisch hinsichtlich der mit ihm verbundenen Chancen und Problemen für geographische Forschung.

    Exposé

    Reallabore gewinnen in der Forschung stetig an Aufmerksamkeit und werden in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten etabliert, um Lösungen für aktuelle Probleme gleichzeitig zu finden und zu erproben. Sie sind besonders in der transformativen Nachhaltigkeitsforschung verankert und spiegeln allgemein einen „experimental turn“ in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wieder: Traditionelle wissenschaftliche Forschungsmethoden stoßen danach angesichts immer komplexerer Veränderungen und Anforderungen an ihre Grenzen. In Reallaboren arbeiten daher Akteure aus Wissenschaft und Gesellschaft gemäß dem transdisziplinären Paradigma, das dem Reallabor-Konzept zugrunde liegt, eng und „auf Augenhöhe“ zusammen. Etabliert wurden Reallabore bisher z.B. zur Entwicklung und Erprobung technischer Innovationen im Bereich der erneuerbaren Energien. Eine Lücke besteht jedoch hinsichtlich der Einrichtung von Reallaboren zur Erforschung sozialer Prozesse.

    Aufgrund der Neuheit des Konzepts sind mit ihm noch viele offene Fragen und Probleme verbunden, die sich je nach konkretem Setting der Reallabore unterscheiden. Die Fachsitzung greift diese unter dem Leitthema 1 „Umbrüche und Aufbrüche“ auf und diskutiert die Einrichtung von Reallaboren als Teil geographischer Forschungsinfrastrukturen. Gesucht werden Beiträge, die einerseits Erfahrungen aus bereits etablierten Reallaboren reflektieren, und sich, andererseits, mit den methodologischen Grundannahmen von Reallaboren auseinandersetzen. Leitend können dabei u.a. folgende Fragen sein:

    – Welche Probleme, Herausforderungen und Chancen haben sich bei bereits durchgeführten Reallaboren gezeigt?

    – Inwiefern eröffnen sich durch die Etablierung von Reallaboren wirklich neue Möglichkeiten der transformativen und transdisziplinären Forschung oder handelt es sich beim Reallabor-Konzept nur um „alten Wein in neuen Schläuchen“?

    – Wie verhält sich das Reallabor-Konzept zu etablierten Ansätzen kollaborativer, partizipativer Forschung? Wie ist mit den normativen Grundannahmen des Reallabor-Konzepts umzugehen?

    – Ist das Reallabor-Konzept anwendbar auf alle Themen, die einen transformativen Anspruch verfolgen? Wo liegen seine Grenzen?

    – Wie muss sich Geographie als Wissenschaft im Kontext transdisziplinärer Reallabor-Forschung anders/neu definieren?

    Im Sinne einer Paper-Session (4 Beiträge á 15 Minuten, ein/e Discussant sowie gemeinsame Diskussion) bitten wir um Beitragsvorschläge zu den genannten Themen.

  • L1-FS-023Die Verantwortung der Geographie. Forschung zwischen gesellschaftlichem Anspruch, Anpassungsdruck und Freiheitsstreben
    Herr Prof. Dr. Jürgen BöhmerFrau Prof. Dr. Mirka Dickel
    University of the South PacificFriedrich-Schiller-Universität Jena

    Kurzabstract

    Was heißt es, Geographie in der Moderne zu verantworten? WissenschaftlerInnen aus allen Bereichen der Geographie sind eingeladen, über das Verhältnis von Verantwortung und Geographie zu sprechen.

    Exposé

    In dieser Fachsitzung gehen wir der Frage nach, was es heißt, Geographie zu verantworten. Die Rede von der Verantwortung der Wissenschaft ist nicht neu (z.B. Lacoste 1990, Dickel 2015). Gleichwohl kommt ihr im Zeitalter der beschleunigten Moderne eine neue Aktualität zu. Der moderne Wissenschaftsbetrieb ist Teil einer entgrenzten, zentrumslosen, dem Wachstumsideal und den Auswüchsen der globalen Marktwirtschaft unterworfenen Welt, in der auch Forschung den Ökonomisierungstendenzen des Sozialen unterworfen ist und diese antreibt (z.B. Hanzig-Bätzing & Bätzing 2005, Geman & Geman 2016, Batterbury 2017).

    An die Geographie wird die Erwartung herangetragen, zukunftsweisende Antworten unter der Bedingung von Unübersichtlichkeit und Unvorhersehbarkeit zu geben – angesichts des gesellschaftlichen Imperativs der Digitalisierung, der Klimaänderung, weltweiter Ungerechtigkeiten und Migrationsbewegungen. Zugleich zeichnet sich die Geographie durch hoch diverse Forschungskulturen aus, theoretische und empirische Forschungslogiken und –stile ergänzen, beflügeln oder widersprechen einander (z.B. Weichhart 2004, Keddy 2005, Böhmer 2014).

    Dies hat zu einer Vielstimmigkeit der Rede in unserer Disziplin geführt. Angesichts der Komplexität der Gegenstände, der Unübersichtlichkeit der Forschungszugriffe und des Anspruchs, der aus den gesellschaftspolitischen Herausforderungen und dem Ethos der einzelnen WissenschaftlerIn erwächst, stellt sich die dringende Frage danach, wie es der Geographie gelingen kann, ihrer Verantwortung als Wissenschaft heute gerecht zu werden.

    Wir laden WissenschaftlerInnen aus allen Bereichen der Geographie, der Physischen Geographie, der Humangeographie, der Geographiedidaktik, der Angewandten Forschung ein, über das Verhältnis von Verantwortung und Geographie zu sprechen. Reflexionen der professionellen Erfahrungen sind ebenso erwünscht wie theoretische Einlassungen.

    Folgende Fragen konkretisieren unser Anliegen:

    Wie hängen Verantwortung, Haltung und Inszenierung von Wissenschaftspraxis zusammen?

    Wie wird wissenschaftliche Verantwortlichkeit und ein wissenschaftlich verantwortliches Selbst konstruiert?

    In welchem Verhältnis stehen verantwortungsvolle Forschung und institutionalisierte Formen des Denkens?

    Ist Verantwortung personen-, disziplin- oder diskursgebunden?

    Welche Bedeutung kommen der Ungewissheit und Unvorhersehbarkeit im Forschungsprozess zu?

    Haben wir ein Vorbild für eine verantwortungsvolle Geographie?

  • L1-FS-024German Theory
    Herr Prof. Dr. Benedikt KorfHerr Prof. Dr. Eberhard Rothfuß
    Universität Zürich, Geographisches InstitutUniversität Bayreuth, Geographisches Institut

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung setzt sich mit der deutschsprachigen Geistesgeschichte auseinander und bringt diese in einen Dialog mit geographischem Denken, um die Theoriedebatte der Humangeographie zu bereichern.

    Exposé

    Ist es nicht erstaunlich und bedauerlich, dass in der jüngeren deutschsprachigen Humangeographie eine Auseinandersetzung mit geisteswissenschaftlichen Denkerinnen und Denkern wie Blumenberg, Cassirer, Plessner, Arendt und Benjamin kaum stattfindet, weil diese in der anglophonen Geographie nicht envogue sind? In dieser Fachsitzung fragen wir uns: was geht dabei an intellektueller Kreativität verloren? Und: wie könnte die Humangeographie durch eine Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Geistesgeschichte bereichert werden? Eine Auseinandersetzung mit deutschsprachigen Geistestraditionen verstehen wir dabei nicht als ein „Einigeln“ in eine heile intellektuelle Vergangenheit nationalsprachlicher Wissenschaft, sondern eher als ein „Zurück in die Zukunft“– eine Bereicherung intellektueller Denkwege durch Aneignung, bzw. Wiederaneignung interessanter Denkerinnen und Denker. Dazu möchten wir die aus unterschiedlichen Sprachtraditionen entstandenen Denkstile und Denkstimmungen (Fleck) autonomer, aber auch dialogischer in den Blick nehmen und in die internationale Theoriediskussion einbringen – epistemologischer Reichtum als Vielfalt statt epistemologisch-modischer Monokultur.

    Diese Fachsitzung versteht sich als Teil einer Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Theoriesprache des anglophonen Mainstreams in der Humangeographie zu “provinzialisieren” (Chakrabarty) und zugleich kreativ zu weiten und zu bereichern. „German Theory“, der Titel unserer Fachsitzung, problematisiert dabei eine Rezeptionsdynamik, die im Kontext der Rezeption französischsprachiger Poststrukturalisten unter dem Titel „French Theory“ debattiert wurde: eine Rezeption dieser Autorinnen und Autoren in den anglophonen Cultural Studies, die deren Denken aus dem Entstehungskontext abstrahiert und dadurch eine eigene, oft einseitige Interpretation propagiert, die zugleich international eine hegemoniale Deutungshoheit beansprucht. Dem gegenüber propagiert die „German Theory“ Bewegung einen kreativen und dialogischen Raum für vielfältige Aneignungsstile geisteswissenschaftlicher Theorien und der damit verbundenen Denkstimmungen. In dieser Fachsitzung möchten wir diesen intellektuellen Raum öffnen und laden Beiträge ein, die sich intensiv mit der deutschsprachigen Geistestradition auseinandersetzen und diese in einen Dialog mit geographischem Denken bringen.

  • L1-FS-025Impulse für eine Quantitative Geographie – gestern, heute, morgen
    Herr Prof. Dr. Peter MandlHerr Dr. Tilman Schenk
    Institut für Geographie und Regionalforschung, Alpen-Adria-Universität KlagenfurtInstitut für Geographie, Universität Leipzig

    Kurzabstract

    Nach 10 Kurzstatements zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer „Quantitativen Geographie“ wird über neue Forschungsthemen und Methoden diskutiert und ein mögliches Zukunftsbild gezeichnet.

    Exposé

    Die Quantitative Revolution – in der deutschsprachigen Geographie symbolisiert durch den „Geographentag 1969 in Kiel“ – hat unverkennbar einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, die Geographie – die Physische und auch die Humangeographie – als analytische Wissenschaften im Kanon der Disziplinen zu verankern. Schon kurze Zeit später sind quantitative Methoden scharf kritisiert worden, wenngleich sie in vielen geographischen Teildisziplinen, etwa der Verkehrsgeographie, Stadtplanung, Bevölkerungsgeographie, Geovisualisierung u.a. weiterhin häufig angewandt wurden und werden. Aktuell scheint sich durch die Digitalisierung der Lebenswelten und damit auch der Forschungsgenstände eine gewisse Renaissance quantitativer Ansätze abzuzeichnen, wenn auch mit noch ungewissem Ausgang.

    In dieser Fachsitzung werden sowohl Rück- als auch Ausblicke praktiziert und zur Diskussion gestellt. Dazu laden wir Einreichungen für ca. fünfminütige Kurzstatements ein, die als Anregung für eine offene Diskussion unter allen Teilnehmenden dienen sollen. Die Kurzstatements können, aber müssen sich nicht ausschließlich mit einer oder mehreren der folgenden Fragen beschäftigen:

    · Welche Bedeutung hatte die quantitative Wende für der Geographie und wie wirkt diese bis heute nach?

    · Wie haben sich die quantitativen Methoden der Geographie in den letzten 50 Jahren entwickelt und welche Fortschritte wurden dabei erzielt?

    · Welche neuen Anwendungsfelder ergeben sich heute und in Zukunft für eine quantitativ orientierte Physio- und/oder Humangeographie sowie für eine moderne Geovisualisierung und Kartographie?

    · Welche Bedeutung hat die Digitalisierung der Forschungsgegenstände für die Geographie?

    · Ist heute ein neuer Ansatz einer „Data-driven Geography“ in Aussicht und welche Gefahren und Bedenken beinhaltet ein solcher?

    · Welche weiteren neuen geographischen Ansätze sind in einem „Digitalen Zeitalter“ denkbar, sinnvoll und notwendig?

    Nach dem Vortrag von 10 Kurzstatements wird eine Diskussion zu zwei bis drei der oben genannten Fragen durchgeführt. Die eingereichten Kurzstatements und die Ergebnisse der Diskussion werden in einem zusammenfassenden Artikel veröffentlicht, der eine Anregung zu neuen Forschungsthemen und Methoden in der Geographie sein soll.

  • L1-FS-026Die Zukunft der Geographiegeschichte. Alternative Zugänge zur Disziplingeschichte
    Herr Dr. Boris MichelHerr Dr. Norman Henniges
    Institut für Geographieprivat

    Kurzabstract

    De Diskussionen um „50 Jahre Kieler Geographentag“ werden zum Anlass genommen, um Möglichkeiten und Grenzen alternativer Formen der Disziplingeschichtsschreibung zu diskutieren.

    Exposé

    Wir möchten den DKG 2019 in Kiel und die dort sicherlich umfangreich geführten Diskussionen um „50 Jahre Kieler Geographentag“ zum Anlass nehmen, um in einer Fachsitzung über Möglichkeiten und Grenzen alternativer Formen der Geschichtsschreibung in der Disziplin zu diskutieren. Dabei interessieren wir uns einerseits für theoretische und methodologische Diskussionen, die die bisherigen Diskussionen erweitern oder herausfordern. Sei es durch alternative bzw. neuartige Formen des Erzählens von Geographiegeschichte, durch textliche, visuelle und interaktiv-digitale Medien. Anderseits interessieren uns die Fruchtbarmachung theoretischer Impulse aus anderen Disziplinen oder einer gegenwartsbezogenen Forschung der Geographie bzw. neue Verfahren der Analyse und Wissensvermittlung. Außerdem wünschen wir uns Beiträge, die sich mit bislang wenig beachteten Feldern der Disziplingeschichte befassen und Disziplingeschichte jenseits der ausgetretenen Pfade unternehmen. Sei es durch neue Perspektiven auf bekannte Quellen oder durch den Blick auf bislang unbeachtete Akteurinnen und Akteure der Disziplin.

    Daher erhoffen wir uns Beiträge …

    … über alternative Narrative und Perspektiven jenseits klassischer Chronologien und Themenfelder in textlichen, visuellen und digitalen Medien

    … zu postkolonialen, marginalisierten und feministischen Geographien und deren AkteurInnen

    … zu dem Verhältnis von Geographiegeschichte und gegenwartsbezogener Forschung

    … zu den Medien und matriellen Kulturen der Geographie

    … zu dem Verhältnis von Geographiegeschichte, Didaktik und Wissenstransfer

  • L1-FS-027Practice Theories and the Global South – researching in the Global South and how Practice Theories can help to uncover diverse epistemologies
    Frau Mirka ErlerFrau Katharina Molitor
    Universität Göttingen / Geographisches InstitutUniversität Köln / Geographisches Institut

    Kurzabstract

    Researchers from the Global North are challenged by representing the Global South with an imperial temperament. Practice theories can be one way to approach these challenges.

    Exposé

    Researchers from (institutions of) the Global North are challenged by representing the Global South with an ‘imperial temperament’ (Sidaway 2000). Sidaway refers to imperial temperament as a tendency to represent the Global South as lacking important characteristics from the Global North. Such texts then contribute to a renewed culture of imperialism. Another challenge when doing research in the Global South coming from the Global North is an overemphasis of culture (Mitchell 1995).

    We argue that practice theories can be an approach to overcome these challenges. Practice theories are an analytical, methodological as well as a conceptual approach to look at social phenomena. They evolved as a reaction to reputed shortcomings of previous hegemonies in social theory, particularly the overestimation of the active and reflective agent.

    Practice theories, however, originate from the Global North and have to be scrutinized critically when trying to apply them in the Global South. Therefore, we think it is important to discuss if and how practice theories can incorporate possibly missing links and where practice theories might interface with other concepts and theories.

    In this session we invite empirical, methodological as well as conceptual-theoretical contributions which apply practice theories for research in the Global South.

    The session contains slots for 15-minutes-presentations. Please do not hesitate to send further questions to mirka.erler@uni-goettingen.de and katharina.molitor@uni-koeln.de.

    Leitthemen: Practice theories and the Global South; practice turn; material dimensions of space; spatiotemporality; development geography, post-colonialism, feminist geographies

    Mitchell, D., 1995. There’s No Such Thing as Culture: Towards a Reconceptualization of the Idea of Culture in Geography. Transactions of the Institute of British Geographers 20 (1), 102–116.

    Sidaway, J.D., 2000. Postcolonial geographies: an exploratory essay. Progress in Human Geography 24 (4), 591–612.

  • L1-FS-028Schnittstellen und mögliche Knotenpunkte einer integrativen Geographie
    Frau Dr. Anna Lena BerchtHerr Prof. Dr. Volker Kaminske
    Geographisches Institut Universität Kielprivat, ehemals Department. f. Geographie Universität München

    Kurzabstract

    Was tun, um den Dialog zwischen Physischer und Humangeographie zu fördern und die Außendarstellung der Geographie zu stärken? Anknüpfungspunkte über Inhalte, Methoden, Sprache.

    Exposé

    In der als Vortragssitzung gedachten Veranstaltung „Schnittstellen und Knotenpunkte einer in­tegrativen Geographie“ (mit 4 Referaten à 15 min. und anschließender Diskussion) sollen innerhalb des Leitthemas 1 „Umbrüche und Aufbrüche …“ Aspekte aufgegriffen und an Bei­spielen vertieft werden, die Perspektiven auf ein integrativ angelegtes Arbeiten innerhalb der Geographie erlauben.

    Referent*innen sollten daher entweder Gedanken entwickeln, wie eine derartige Thematik zu ei­­ner Verbesserung des Dialogs zwischen physischer und Human­geo­graphie führen könnte. Bei­spiele könnten etwa ökologische Fragen mit humangeographischer Methodik kombinieren oder humangeographische Probleme durch Einbringung physischgeographischer Fakten ent­schei­­dend bewerten. Neben der Verbesserung des innerfachlichen Selbstverständnisses ist auch die Außendarstellung der Geographie ein hier anzusprechendes Thema. Referent*innen soll­ten Beispiele dafür liefern, wie Geographie und ihre Forschungsthemen über Dis­zi­plin­grenzen hinaus bekannter zu machen wären und den Mehrwert eines solchen Exports auch auf­zeigen.

    Ein so angelegtes integratives Profil muss also Probleme durch unterschiedliche Begrifflichkeiten, Methoden und Erkenntnisinteressen überwinden. Es sind des­halb Umsetzungskompetenzen sprachlicher und methodischer Art gefragt, um Ansätze und Sachverhalte über den je­weiligen Arbeitskreis hinaus verständlich zu machen. Ein sinnvolles Ziel wäre es, die geographische Re­le­vanz allgemei­ner Fragestel­lun­gen im Zusammenhang mit ihrer räumlichen Situierung darstellen zu können.

  • L1-FS-029Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung und Reallabore in der Stadt- und Mobilitätsforschung
    Frau Stefanie SchwerdtfegerHerr Dr. Oskar Marg
    Goethe Universität Frankfurt am Main, Institut für HumangeographieISOE - Institut für sozial-ökologische Forschung GmbH

    Kurzabstract

    Gegenstand der Fachsitzung ist eine kritische Auseinandersetzung mit Transdisziplinarität und Reallaboren im Kontext der Stadt- und Mobilitätsforschung.

    Exposé

    Das Erkenntnisinteresse der Stadt- und Mobilitätsforschung liegt oftmals in der Untersuchung multidimensionaler gesellschaftlicher Problemlagen. So werden Städte beispielsweise als „sozio-technische Gefüge moderner Gesellschaften“(Schneidewind 2014: 3) bezeichnet, in denen sich verschiedene Transformationsprozesse überlagern. Reallabore stellen dabei einen transdisziplinären Forschungsansatz dar, der in den letzten Jahren ganz besonders an Bedeutung gewonnen hat. Im Sinne einer gesellschaftlichen Intervention sollen sie einerseits einen Beitrag zur Transformation zu mehr Nachhaltigkeit liefern. Andererseits sollen sie im Sinne des wissenschaftlichen Lernens dabei helfen, Erkenntnisse über erfolgreiche Transformationsstrategienzu generieren (z.B. Jahn & Keil 2016, Schäpke et al. 2018). Darüber hinaus gelten Reallabore als Schlüssel zu partizipativer Forschung auf unterschiedlichen Ebenen (z.B. Schneidewind 2014).

    Trotz jahrelanger Erfahrungen mit sozial-ökologischer Forschung und Transformationsprozessen erfolgte die Anwendung dieser Perspektiven in der Stadt- und Mobilitätsforschung erst verstärkt in den vergangenen Jahren (z.B.in der baden-württembergischen Ausschreibung zu Reallaboren oder in der BMBF-Ausschreibung zur Zukunftsstadt). In der angedachten Fachsitzung sollen sowohl theoretisch-konzeptionelle Überlegungen, wissenschaftstheoretische Implikationen, wie auch angewandte Fragestellungen der „Reallabor“-Forschung thematisiert werden. Neben Beiträgen zur theoretischen Reflektion – etwa auch im Vergleich zu anderen Themenschwerpunkten der sozial-ökologischen Forschung – werden auch konzeptionelle Beiträge erwartet, die Erfahrungen oder Ergebnisse aus transdisziplinären Forschungsprojekten mit Reallaboren kritisch reflektieren möchten.

    Format: Vortragssitzung mit vier Vorträgen à 15 Minuten und einer Diskussionszeit von 30 Minuten.

    Literatur:

    Jahn, T.; Keil, F. (2016). Reallabore im Kontext transdisziplinärer Forschung. GAIA 25 (4), 247-252

    Schäpke, N.; Stelzer, F.; Marg, O.; Bergmann, M.; Miller, E.; Wagner, F.; Lang, D. (2018). Urban BaWü-Labs: Challenges and Solutions when Expanding the Real-World Lab Infrastructure. GAIA 26 (4),366-368

    Schneidewind, U. (2014). Urbane Reallabore – ein Blick in die aktuelle Forschungswerkstatt. pnd online III 2014:1-7

  • L1-FS-030Mensch-Tier-Geographien: Neue Perspektiven auf Mensch-Natur-Verhältnisse?
    Frau Dr. Julia PoertingHerr Prof. Dr. Robert Pütz
    Universität BonnGoethe-Universität Frankfurt

    Kurzabstract

    Im Fokus der Veranstaltung stehen thematische sowie konzeptionelle Aspekte einer relationalen Mensch-Tier-Geographie.

    Exposé

    Die geographische Beschäftigung mit Mensch-Natur-Verhältnissen hat eine lange und z.T. nicht unproblematische Geschichte. Sowohl allzu materialistische als auch allzu konstruktivistische Perspektiven haben dazu beigetragen, Mensch-Natur-Dualismen zu verfestigen und entweder nur den Anthropos oder die res naturae in den Fokus zu stellen. Wir schlagen vor, diese Verfestigung und die isolierte Betrachtung einzelner Bewohner eigentlich relationaler Umwelten zugunsten solcher Ansätze aufzulösen, die die Koexistenz und Symbiose in den Vordergrund stellen. Mit More-than-Human Geographies, Animal Geographies und Multispecies-Zugängen haben sich hier fruchtbringende Ansätze in der englischsprachigen Geographie entwickelt, die bislang erst punktuell Eingang in deutschsprachige Debatten gefunden haben.

    Die Fachsitzung beschäftigt sich verschiedenen thematischen und konzeptionellen Aspekten einer relationalen Mensch-Tier-Geographie. Im Vordergrund steht die Frage der konzeptionellen Überwindung des Natur-Kultur-Dualismus, die Anerkennung der Materialität und Agency von Menschen und anderen Lebewesen und in die Implikationen einer relationalen Ontologie von mehr-als-menschlichen Umwelten.

    Wir begrüßen Beiträge, die sich mit Körperlichkeit und Emotionalität aus phänomenologischer Perspektive beschäftigen und Debatten um den affective turn weiter entwickeln. Weiterhin interessieren Beiträge, die sich mit der Materialität und Agency anderer Lebewesen als Menschen aus einer posthumanistischen Perspektive beschäftigen. Weitere Anknüpfungspunkte sehen wir in Beiträgen, die sich mit Wert und Wertigkeit (ethisch, ökonomisch) von Natur auseinandersetzen und z.B. die Ökonomisierung von Tieren untersuchen (Tierhandel, Massentierhaltung, Working Animals, Trophäenhandel) oder Fragen der Schutzwürdigkeit stellen (Tierparks, Wildnis, geschützte Arten). In diesem Kontext sind auch kritische Perspektive auf Naturschutz und Tierschutz im Kontext von Ressourcenkonflikten interessant. Ein weiteres mögliches Themenfeld stellt die Mobilität von Tieren dar – inwiefern fordern Tier-Geographien (wildlifecorridors, Zäune, Gehege, Schutzgebiete) menschliche Raumansprüche heraus? Welche Rolle spielen dabei die Sichtbarkeit (Stadtvögel, Ungeziefer) und Unsichtbarkeit (Meerestiere, scheue Tiere) von Tieren? Letztlich begrüßen wir auch solche Beiträge, die sich mit den methodologischen und ethischen Herausforderungen mehr-als-menschlicher Geographien beschäftigen.

  • L1-FS-031Geoarchäologie – Aufbrüche im interdisziplinären Kontext zwischen Natur- und Kulturwissenschaften
    Herr Prof. Dr. Christopher MillerHerr Dr. Christian Stolz
    Universität TübingenUniversität Flensburg

    Kurzabstract

    Thema der Sitzung sind die Interaktionen zwischen Kultur- und Naturwissenschaftlern im Rahmen geoarchäologischer Forschung.

    Exposé

    In den letzten Jahrzehnten ist die Geoarchäologie in Deutschland und anderen Ländern immer bedeutsamer geworden, wenn es darum geht, die Vergangenheit der Menschheit mittels naturwissenschaftlicher Methoden zu untersuchen. Geoarchäologen kommen aus unterschiedlichen Disziplinen wie Physischer Geographie, Geologie, Biologie sowie aus der Archäologie und anderen Kulturwissenschaften, verfolgen aber gemeinsame Interessen. Ziel ist es herauszufinden, wie Menschen in der Vergangenheit mit Landschaftsräumen interagiert haben.

    Themen der Fachsitzung sind die historische Entwicklung der Fachdisziplin bis in die Gegenwart und zukünftige Forschungsperspektiven. Dabei sollen die Stellung, der Einfluss und die Integration der Geoarchäologie in der postmodernen Geographie untersucht werden. Außerdem werden ausgewählte Projekte vorgestellt.

    Veranstaltet wird die Fachsitzung als klassische Vortragssitzung. Für Diskussionen ist ausreichend viel Zeit eingeplant.

  • L1-FS-032Eine (Wirtschafts-)Geographie der Objekte
    Herr Prof. Dr. Oliver IbertHerr Prof. Dr. Max-Peter Menzel
    Leibnitz-Institut für Raumbezogene SozialforschungAlpen-Adria-Universität Klagenfurt

    Kurzabstract

    Die Sitzung fokussiert auf das produzierte Objekt, seine Architektur, seine Veränderung und Kontextualität.

    Exposé

    Soziale Identität wird immer stärker zu einer Frage, welche Dinge jemand besitzt oder nicht besitzt. So definieren sich neue Lebensstile, wie Maker, Hacker, Tauschringe oder Post-Wachstumsgemeinschaften primär über das Verhältnis zu Produkten und Gütern. Wirtschaftsgeographische Debatten haben diese gesteigerte Bedeutung von Objekten bisher nur zögerlich aufgegriffen. In der Fachsitzung soll daher eine Perspektivverschiebung auf Objekte in ihrer Vielgestaltigkeit als Produkte, Artefakte oder auch Abfall entlang dreier Ebenen diskutiert werden.

    1.) Objekte werden oft als Black Boxes behandelt. Die Entwicklung neuer Produkte wird als Grundlage für die Schaffung von Wohlstand angesehen und deren globale Produktion als Ursache globaler Ungleichheiten. Die Materialität dieser Artefakte und ihre innere Architektur (Baldwin und Clark 2000) wird hierbei jedoch kaum untersucht. Wie erweitert sich daher eine geographische Analyse, wenn diese Black Boxes geöffnet werden?

    2.) Objekte werden oft als statische Einheiten betrachtet. Während der Wandel von Unternehmensroutinen und Organisationsformen aus geographischer Perspektive vielfach untersucht wurde, stoppen diese Analysen in der Regel vor den Veränderungen in Struktur und Identität des produzierten Objekts (Knorr Cetina 2008). Wie erweitert sich daher eine geographische Analyse, wenn diese Veränderungen in den Vordergrund rücken?

    3.) Objekte werden traditionell aufgrund ihrer Funktionalität, faktischen Knappheit oder investierten Arbeitskraft bewertet. Jedoch sind es oft symbolische Assoziierungen, welche einen Großteil des Kaufwertes ausmachen (Karpik 2010). Diese sind mit dem Objekt durch soziale oder physische Konstruktion verwoben, kontextabhängig und müssen immer wieder neu ausgehandelt werden. Wie erweitert sich daher eine geographische Analyse, wenn auf unterschiedliche Bedeutungen, Bewertungen oder Nutzungen des Objekts fokussiert werden?

    Wir laden empirische und konzeptionelle Beitrage ein, die sich mit der Veränderung von Objekten, ihrer Architektur und inneren Beziehungen, unterschiedlichen Bewertungen und symbolischen Aufladungen sowie den damit einhergehenden Geographien befassen.

  • L1-FS-033Die Geschichte der Geographie revisited
    Frau Prof. Dr. Julia VerneHerr Prof. Dr. Matthew Hannah
    Universität BonnUniversität Bayreuth

    Kurzabstract

    Diese Fachsitzung soll einen Raum schaffen, in dem alternative Sichtweisen, blinde Flecken und bisher vernachlässigte Beiträge aus der Geschichte der Geographie vorgestellt und diskutiert werden.

    Exposé

    Einführungsvorlesungen und Lehrbücher repräsentieren die Geschichte der Geographie und stellen dabei ein bestimmtes Verständnis zentraler Figuren, Herangehensweisen und Entwicklungslinien der Disziplin her. Vor dem Hintergrund aktueller theoretischer Debatten möchten wir auf dem DKG 2019 einen Raum schaffen, in dem alternative Sichtweisen, blinde Flecken und bisher eher vernachlässigte Beiträge aus der Geschichte der Geographie vorgestellt und diskutiert werden. Eine Leitfrage soll dabei sein, inwieweit diese Rückblicke und Re-Interpretationen wichtige Impulse für die zukünftige Ausrichtung der Disziplin liefern können.

  • L1-FS-034Geographien der Grenze – Oder: Wie findet Grenze statt?
    Herr Julian HollsteggeHerr Dr. Christian Wille
    Universität BayreuthUniversité du Luxembourg

    Kurzabstract

    Die Erforschung von politischen Grenzen befindet sich im Wandel. Die Beiträge diskutieren Ansätze und Fallstudien, die aktuelle Grenz(de)stabilisierungen und deren räumliche Bezüge aufdecken.

    Exposé

    Die Erforschung von politischen Grenzen und ihren Implikationen auf das Soziale haben eine lange Tradition in der Geographie. Allerdings findet spätestens seit dem practice turn und unter dem Eindruck der jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen (Renationalisierungen, Migrationsbewegungen, soziale Ungleichgewichte) eine Neuorientierung des Arbeitsfeldes statt. Inspiriert von den euro-amerikanischen Border Studies setzen sich zunehmend prozessorientierte Sichtweisen durch, die auf gesellschaftliche Aushandlungsprozesse von Grenzen und deren Komplexität fokussieren.

    Dieser Zugang, der sich thematisch breit und disziplinenübergreifend als anschlussfähig erweist, privilegiert Ansätze, die mit politischen Grenzen jenseits des traditionellen Ortes der Grenze – am Rande von Nationalstaaten – umzugehen wissen. Sie gehen auf die vielfältigen Raumbezüge des Sozialen ein, ebenso wie auf die räumlich verstreuten sozialen, materiellen oder ästhetischen Manifestationen von politischen Grenzen.

    Die Fachsitzung lädt dazu ein, theoretisch-konzeptionelle und empirische Beiträge der Grenzforschung zu diskutieren, die die Komplexität von Grenz(de)stabilisierungen und deren räumliche Bezüge aufdecken und kritisch reflektieren.

    Besonders willkommen sind Vorträge, die beispielsweise

    – aktuelle gesellschaftliche und politische Prozesse und Dynamiken aus der Sicht der Grenzforschung empirisch oder theoretisch beleuchten,

    – anhand spezifischer Problemstellungen die Chancen und Herausforderungen ausgewählter theoretisch-konzeptioneller Ansätze diskutieren,

    – politische Grenzen einer grundsätzlichen (inter- bzw. multi-)disziplinären theoretischen Reflexion unterziehen,

    – konzeptuelle Desiderata bzw. Potentiale vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen identifizieren und/oder zukünftige Herausforderungen der Grenzforschung skizzieren.

  • L1-FS-035STS und geographische Entwicklungsforschung
    Herr Dr. Markus KeckHerr Prof. Dr. Marc Boeckler
    Georg-August-Universität Göttingen, Geographisches InstitutGoethe-Universität Frankfurt a.M., Institut für Humangeographie

    Kurzabstract

    Ziel der Sitzung ist das Herausarbeiten der Potentiale der Science & Technology Studies (STS) für die kritische Entwicklungsforschung.

    Exposé

    Technologien und technologisches Wissen sind bis heute die tragenden Säulen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Beispielhaft sei an die sog. Grüne Revolution erinnert, mit ihrem Transfer wissenschaftlicher Anbauprinzipien (Hybridsaatgut, künstliche Bewässerung, Kunstdünger, Pestizide) aus den „Industrie“- in die „Entwicklungsländer“. Gegenwärtig gelten vor allem Digitalisierungsprozesse als technologisches Wundermittel im Rahmen nachholender Modernisierung. Neben Informations-und Kommunikationstechnologien umfasst das Angebot der „technological fixes“ von Seiten internationaler Entwicklungsorganisationen auch die Biotechnologie mit Einsatzfeldern im Gesundheitswesen, der Pharmazeutik, der Landwirtschaft und der Industrie. Darüber hinaus hat die Entwicklungsökonomik menschliches Verhalten als Technologie entdeckt, dessen Fehlerhaftigkeit sich mit kleinen „nudges“ in Richtung Rationalität und Effektivität korrigieren lässt.

    Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Technologien – und den jeweils zugrundeliegenden Wissens(chafts)verständnissen – ist für eine kritische geographische Entwicklungsforschung (GEF) unumgänglich. Die Science & Technology Studies (STS) werden in diesem Zusammenhang als wichtiger Impulsgeber diskutiert. Ausgehend von frühen ethnographischen Laborstudien untersuchen die STS die soziotechnisch distribuierten Praktiken der Produktion und Zirkulation von Wissen und Technologien. Welche soziotechnischen Übersetzungs- und Anpassungsprozesse sind erforderlich, damit Wissen auch außerhalb des Labors wirklich werden kann? Damit gilt Wissen nicht mehr als universell, sondern als kontextuell und eingebettet in wissenschaftliche und alltägliche Praktiken.

    Die GEF kann von den Konzepten und Erkenntnissen der STS profitieren. Diese verhelfen ihr zu einem nicht-linearen Verständnis von Wissens- und Techniktransfer und rücken die multidirektionalen Wechselbeziehungen zwischen Globalem Norden und Süden in den Fokus. Gleichsam können die STS von dem geschärften Blick der GEF für die vielfältigen Reproduktionsmechanismen sozialer Ungleichheit und struktureller Nicht-Nachhaltigkeit profitieren. Vor diesem Hintergrund laden wir dazu ein, anhand konzeptioneller und/oder empirischer Beiträge die Potentiale von STS für die GEF (und umgekehrt) zu diskutieren.

  • L1-FS-036Butter bei die Fische! Beispiele integrativer Forschungskooperation zwischen Physio- und Humangeographie
    Herr Prof. Dr. Oliver SassHerr Prof. Dr. Ulrich Ermann
    Geographisches Institut, Universität BayreuthInstitut für Geographie und Raumforschung, Universität Graz

    Kurzabstract

    Wir wollen konkrete Beispiele integrativer Forschungskooperation zwischen Physio-und Humangeographie diskutieren. Wie funktioniert die Zusammenarbeit in der Forschungspraxis, wo stößt sie an Grenzen?

    Exposé

    Entgegen dem Geist von Kiel 1969 wird seit Jahrzehnten allenthalben die Integrative Geographie beschworen, obwohl die Kluft zwischen Physio- und Humangeographie aufgrund gegensätzlicher methodologischer Arbeits- und Denkweisen und verschiedener wissenschaftlicher Weltbilder und Sprachen nicht gerade leichter überbrückbar geworden zu sein scheint. Für eine Einheit der Geographie werden hochschulpolitische Gründe angeführt. Außerdem preist sich „insbesondere in disziplinpolitischen Sonntagsreden […] die Geographie gerne als Brückenfach und stellt ihre besondere Relevanz angesichts der aktuellen globalökologischen und gesellschaftlichen Problemlagen heraus“ (Steinbrink 2014). Die Geographie sei prädestiniert, Beiträge zur Lösung von Problemen wie Ressourcennutzung, Naturgefahren, Klima- und Landnutzungswandel oder Fragen der Nachhaltigkeit zu leisten.

    Der Höhepunkt der geographieinternen Diskussion lag in den 2000er Jahren, wobei konzeptionelle Erwägungen im Mittelpunkt standen (Reintegration, Schnittstellenmodell, Dritte Säule, Human- und Sozialökologie, Geographie der Hybriden etc.). Seither ist es ruhiger geworden, vielleicht aus einem Überdruss an einer Diskussion heraus, die nur wenige greifbare Ergebnisse gebracht hat. Während an vielen Instituten integrative Lehrveranstaltungen (insbesondere „im Gelände“) angeboten werden, sind Forschungskooperationen in gemeinsam beantragten Forschungsprojekten nach wie vor eine Seltenheit, aufgrund von realen oder vermuteten Problemen bei der Begutachtung, oder wegen als unüberbrückbar empfundener Denkweisen oder schwer erfüllbarer gegenseitiger Erwartungen. So wird seitens der Physiogeographie oft erwartet, die Humangeographie möge Datensätze zur Einbindung der gesellschaftlichen Dimension in ihre Modelle liefern, während man sich in der Humangeographie eine Zusammenarbeit oft so vorstellt, dass man den Kolleginnen und Kollegen über die Schulter schaut, um Praktiken der physiogeographischen Wissensgenerierung zu untersuchen. Beides ermöglicht kein Forschen auf Augenhöhe.

    Vor diesem Hintergrund suchen wir Beispiele, in denen eine integrative Forschungskooperation zwischen Physio- und Humangeographie tatsächlich gelebt wird. Wie funktioniert die Zusammenarbeit in der Forschungspraxis? Wo stößt sie an Grenzen? Besonders freuen wir uns über gemeinsame Einreichungen und Präsentationen von Kolleginnen und Kollegen der Physio- und Humangeographie. Das Sitzungsformat sieht vier Referate mit anschließender Diskussion vor.

  • L1-FS-037Affekte und Emotionen im gesellschaftspolitischen Kontext
    Herr Dr. Jan Simon HuttaHerr Jan Winkler
    Geographisches Institut der Universität BayreuthInstitut für Geographie der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung diskutiert Möglichkeiten, über den Fokus auf Emotionen und Affekte Fragen nach Macht und Widerstand, sozial(räumlicher) Differenzierung und ökonomischer Wertschöpfung zu bearbeiten.

    Exposé

    Die Relevanz von Affekten und Emotionen in gesellschaftspolitischen Prozessen wurde in den vergangenen Jahren verstärkt deutlich. Im Hinblick auf rechtspopulistische Zugriffe auf „Ängste“ und „Sorgen“ und die Krisen der liberalen Demokratie notieren etwa Bargetz und Sauer, es sei „eine neuartige Theoretisierung des Verhältnisses von Politik und Gefühl notwendig“ (2010: 141). Aber auch sozialwissenschaftliche Studien zur Inwertsetzung von Affekten im Dienstleistungssektor (Trott 2017) oder der ‚passionate politics‘ sozialer Bewegungen (Goodwin et al. 2009) verweisen auf die Bedeutung von Emotion und Affekt als Untersuchungsgegenstände und analytische Perspektiven.

    Seit den 2010er Jahren wurden auch in der deutschsprachigen Debatte unter dem Schlagwort einer nicht-repräsentationalen Geographie Ansätze versammelt, die diskurs- und strukturorientierte Forschung um einen Fokus auf dynamische Materialität und körperliche Interaktionen erweitern möchten (Schurr et al. 2017). Dabei greifen diese Ansätze auch die in der feministischen Debatte formulierte Kritik an einer Vernachlässigung sozialer Differenzierungen in nicht-representationalen Geographien auf und knüpfen z. B. an feministische, marxistische, macht- und diskursanalytische Ansätze an (Hutta 2009; Schurr 2014; Marquardt 2015; Winkler2017; Gammerl et al. 2017).

    Daran anschließend möchte die Fachsitzung Möglichkeiten diskutieren, gesellschaftliche Verhältnisse anhand der Fokussierung auf Emotionen und Affekte zu untersuchen. Wenn etwa neuere praxistheoretische Ansätze mittels Konzepten wie ‚Teleoaffektivität‘ (Schatzki) Praktiken als Verschränkungen diskursiver und körperlicher Prozesse entwerfen, mögen auch politische Praktiken als Gegenstand einer ‚materielleren‘ politischen Geographie diskutiert werden. Ebenso könnten der Beitrag des ‚neuen Materialismus‘ zu der im historischen Materialismus erfolgten Thematisierung sozialer Verhältnisse diskutiert oder im Anschluss an queere Debatten gar die Potentiale affektiver Prozesse für emanzipative politische Projekte eruiert werden (Mouffe 2007). Doch gilt es auch, abstraktere Bestimmungen von Emotion, Affekt oder Praxis in analytische Perspektiven auf Gesellschaft einzubinden. In Einzel-Vorträgen sollen daher theoretisch, empirisch und methodologisch ausgerichtete Beiträge präsentiert werden, die Emotion und Affekt in Beziehung zu Fragen nach Macht und Widerstand, politischem Konflikt, sozial(räumlicher) Differenzierung und ökonomischer Wertschöpfung setzen.

  • L1-FS-038Reconfiguring the Regional in Geography, School Geography, and Geography Education. International Perspectives
    Herr Prof. Dr. Péter Bagoly-SimóHerr Prof. Dr. Sirpa Tani
    Humboldt-Universität zu BerlinHelsingin yliöpisto

    Kurzabstract

    This session connects European and Latin-American perspectives on (new) Regional Geographies/Geographies of the Regional from academic, applied, and school perspective.

    Exposé

    Regional perspectives experienced substantial reconceptualizations in various geographical contexts and contributed to an overall progress of theories and concepts in both academic and school Geography. While German discourses tend to emphasize the historical role of Kiel (see among others Geographica Helvetica’s 2014 special issue), international scholars set the focus on specific regional needs and developments equally relevant to comprehend the role regional aspects play in contemporary Geography. In light of this development, the aim of this session is twofold. On the one hand, it invites scholars from Geography, Geography Education, Applied Geography, and school Geography to debate on the role of the regional within different epistemologies of Regional Geography over the last five decades. Colleagues are invited to reflect on theories, concepts, shifts in methods, and emerging schools of thought against the background of an increased theoretical import from a number of disciplines, such as Sociology, Anthropology, Physics, Chemistry, Environmental Sciences etc. On the other hand, the session aims at giving voice to less prominent and cited perspectives, such as those coming from Africa, Latin America or Eastern Europe. In doing so, the session primarily targets Leitthema 1, but establishes links to most of DKG 2019’s nine thematic areas. Designed as a paper session with subsequent discussion, we welcome contributions in English and German.