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Leitthema 2

  • L2-FS-039Angewandte Kritische Geographie: Zum Verhältnis von Forschung und Praxis
    Herr Dr. Sebastian SchipperFrau Janika Kuge
    Institut für Humangeographie, Goethe Universität Frankfurt am MainInstitut für Geographie, Universität Freiburg

    Kurzabstract

    Gibt es die Möglichkeit einer Angewandten Kritischen Geographie und welche Rolle kann diese im akademischen Betrieb zwischen Forschung und Praxis einnehmen?

    Exposé

    Die thematisch vielfältigen Forschungsarbeiten im Kontext Kritischer Geographie eint ihr zentraler Fokus auf die Analyse und Kritik bestehender Macht- und Herrschaftsverhältnisse und der darin eingeschriebenen Widersprüche und sozialen Konflikte. Dabei wird oft der Anspruch formuliert, die historische Gewordenheit und daher Veränderbarkeit von gesellschaftlich eingerichteten Machtverhältnissen aufzeigen und an deren Transformation in emanzipatorischer Absicht mitwirken zu wollen. Im Unterschied zur vielschichtigen Tradition kritischer Wissenschaft, die es vermochte, aus dem Wechselspiel von Theorie und Praxis in gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen zu intervenieren, scheint sich in jüngerer Zeit allerdings die Distanz zwischen akademischem Betrieb und außeruniversitären Akteuren vergrößert und in der Folge der gesellschaftspolitische Beitrag verringert zu haben. Ausgangspunkt der Fachsitzung bildet daher die These, dass die gegenwärtige Kritische Geographie nur noch bedingt Ergebnisse produziert, die auch von sozialen Bewegungen als relevant erachtet und von zivilgesellschaftlichen Initiativen rezipiert werden. Diskutieren wollen wir daher, inwiefern eine Form der Wissensproduktion gestärkt werden müsste, die die Erkenntnisinteressen von sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren stärker ins Zentrum der eigenen Forschung stellt. Wir wünschen uns daher Beiträge, die ausgehend von eigenen Forschungs- und Lehrerfahrungenfolgende Fragen in den Mittelpunkt rücken:

    Gibt es die Möglichkeit einer Angewandten Kritischen Geographie und welche Rolle kann diese im akademischen Betrieb einnehmen?

    Ist die Diagnose einer zunehmenden Distanz zwischenkritisch-geographischer Wissensproduktion und sozialen Bewegungen zutreffend oder malen wir das Bild zu schwarz?

    Welche Gegenbeispiele gibt es, denen es gelingt, die Distanz zu überwinden und ein Wissen zu produzieren, das auch für außerakademische Akteure relevant wird?

    Wie kann ein Wissen entstehen, von dem auch soziale Bewegungen und außerakademische politische Akteure profitieren?

    Mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen ist eine solche politisch-solidarische Forschung konfrontiert und wie kann man damit umgehen?

    Inwiefern erschweren die Arbeitsbedingungen an der neoliberalisierten Universität eine gesellschaftspolitisch relevante Forschung in kritischer Absicht?

  • L2-FS-040Geographien des Rassismus
    Frau Dr. Jenny KünkelHerr Prof. Dr. Bernd Belina
    Humboldt Universität zu Berlin / Geographisches InstitutGoethe-Universität Frankfurt / Institut für Humangeographie

    Kurzabstract

    Was kann Kritische Geographie zur Rassismuskritik beitragen?

    Exposé

    Kapitalistische Gesellschaften sind seit jeher nationalstaatlich segmentiert und grundlegend rassistisch strukturiert. Ein- und Ausschlüsse, Rechte und Möglichkeiten, Armut und Reichtum sowie Lebenschancen und sichtbare und unsichtbare Schranken sind anhand biologistischer und/oder kulturalistischer Ideologien organisiert, die das „Eigene“ vom „Fremden“ scheiden. Derartige Ideologien von Rasse, Ethnopluralismus, Nation oder kultureller Identität werden von Wissenschaft, Pseudo-Wissenschaft sowie organischen Intellektuellen der Zivilgesellschaft erarbeitet und verbreitet, und sie stehen in Wechselwirkung mit politischen und rechtlichen Regularien sowie den alltäglichen Praxen, in denen sie wirksam werden. Betroffene, linke und liberale Stimmen und Kräfte – oft in einer Person/Gruppe – stellen sich diesen Strukturen entgegen, mitunter gemeinsam, häufig aufgrund unterschiedlicher Positionalitäten und Interessen getrennt. Die Aufgabe Kritischer Wissenschaft besteht darin, rassistische Ideologien, Regularien und Praxen zu hinterfragen, in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen und Kräfteverhältnisse zu situieren und auch praktisch anzugehen – also sie zu kritisieren. In der Session diskutieren wir, welchen Beitrag die Kritische Geographie dazu leisten kann bzw. schon leistet.

    Erwünscht sind sowohl theoretische als auch empirische und angewandte Beiträge. Mögliche Bezüge sehen wir zu geographischen Aneignungen und Weiterentwicklungen postkolonialer, anti-rassistischer und intersektionaler Theorien, und hier insbesondere zu Versuchen, Rassismus in der Tradition kritischer Theorie nach Marx zu thematisieren (Hall, Spivak, Balibar u.a.). Empirische Felder können beinhalten, sind aber nicht beschränkt auf: Kämpfe um Migration und Grenzen, (post‑)migrantische Kämpfe, koloniale Kontinuitäten, alle Formen rassistischer Diskriminierung (z.B. durch Racial Profiling oder auf Wohnung- und Arbeitsmärkten), rechter Terror, Alte und Neue Rechte u.v.a.m. Gemeinsame Klammer ist die Frage, wie Raum und Anti-/Rassismen vermittelt sind. Explizit erwünscht sind auch Beiträge, die im Sinne einer Angewandten Kritischen Geographie Interventionen in Debatten und Kämpfe vorstellen und analysieren, in denen rassistische Ideologien, Regularien und Praxen, ggf. zusammen mit Betroffenen und Bewegungen, thematisiert und kritisiert wurden.

    Die Sitzung wird aus vier Beiträgen bestehen, die von den Moderartor*innen eingeleitet und zusammengefasst werden.

  • L2-FS-041Bioökonomie – Verortungen und Grenzziehungen
    Herr Dr. Henning FüllerFrau Prof. Dr. Judith Miggelbrink
    Humboldt-Universität zu Berlin/Geographisches InstitutTU Dresden/Institut für Geographie

    Kurzabstract

    Biotechnologischer Fortschritt verändert Märkte, Produkte und Dienstleistungen vor allem auch räumlich. Kritisch-Geographische Untersuchungen zur ökonomische Inwertsetzung „des Lebendigen an sich".

    Exposé

    Der rapide technologische Fortschritt in den so genannten Biotechnologien verspricht vor allem auch Möglichkeiten ökonomischer Wertschöpfung. Entsprechend kommt es in diesem Bereich derzeit zu einem massiven Einsatz von Risikokapital, es werden Förderprogramme aufgelegt und unter Hochdruck Forschung unternommen. „[V]itality itself has become a potential source of value“, wie Nikola Rose (2007) schreibt. Im Fokus von Untersuchungen zur Bioökonomie stehen derzeit zumeist die Gegenstände der Inwertsetzung (Birch 2012). Wie weitreichend sind Organismen, Zellen, Enzyme und Gene technisch modifizierbar? Welche Produkte ermöglicht der veränderte Zugriff auf das (Mikro-)Biologische? In welchem Umfang kann genetisch modifizierte Biomasse Ernährung, Produktion, Gesundheit und Energieversorgung verändern?

    Daneben sind die Phänomene der Bioökonomie aber auch zentral durch Prozesse der Verortung und Grenzziehung bestimmt. Erst durch Regulierung und die Schaffung von Märkten werden die neuen biotechnologischen Produkte und Dienstleistungen handelbar. Verschiedene Rechtssysteme und kulturelle Einstellungen ermöglichen oder erschweren die Inwertsetzung von Leben. Die Herstellung von Biomasse, der Handel mit Organen oder der medizinische Einsatz neuer Verfahren passiert an bestimmten Orten und verändert diese. Die Geographien der „Bioökonomie“ sind entscheidend, um die ökonomischen, sozialen und politischen Effekte präzise zu bestimmen.

    Das Panel versammelt aktuelle Forschungen zu geographischen Aspekten der „Bioökonomie“. Die Klammer ist bewusst breit gewählt. Gefragt sind sowohl Arbeiten die Phänomene biotechnologischer Innovation im Bereich der Lebenswissenschaften untersuchen oder die sich mit Entwicklungen im Bereich von Nahrungsproduktion und post-fossiler Energie durch Biomasse auseinandersetzen. Erwünscht sind auch konzeptionell-kritische Beiträge, die veränderte kapitalistische Wertschöpfung und deren Verräumlichung am Beispiel der Bioökonomie in den Blick nehmen.

    − Reproduziert die Inwertsetzung von Biotechnologien bestehende gesellschaftliche Verräumlichungen einschließlich der in sie eingeschriebenen Ungleichheiten oder verändert sie diese?

    − Inwieweit eröffnet der Begriff „Bioökonomie“ (tatsächlich) eine neue Perspektive auf sich verändernde Prozesse der Wertschöpfung?

    − Was sind die gegenwärtig drängendsten Fragen und Probleme im Hinblick auf Regulation, Be- und Entgrenzung biotechnologisch getriebener Verwertungslogiken?

  • L2-FS-042Kritische Perspektiven auf urbane Gesundheits- und Ernährungs(un-)gerechtigkeit
    Frau Prof. Dr. Iris DzudzekFrau Prof. Dr. Marit Rosol
    Institut für Geographie der Universität MünsterDepartment of Geography, University of Calgary

    Kurzabstract

    Mit welchen Konzepten und Zugängen lassen sich Gesundheit und Ernährung als zentrale Dimensionen städtischer Ungleichheit erklären? Wie kann eine gesundheits- und ernährungsgerechte Stadt aussehen?

    Exposé

    Arme Stadtbewohner*innen sind in ihrem Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln, städtischen Erholungsräumen und einem sicheren Arbeits- und Wohnumfeld eingeschränkt, was gravierende Folgen für ihre Gesundheit und Lebenserwartung nach sich zieht. Nachdem in den Gesundheitswissenschaften lange Zeit Ansätze dominierten, die die schlechtere Gesundheit armer Bevölkerungsschichten genetisch oder behavioristisch mit Verweis auf ungesunde Lebensstile erklärten, betonen Critical Public Health und auch die WHO inzwischen die „sozialen Determinanten“ von Gesundheit und die Rolle (zunehmender) sozialer Ungleichheit. Gesundheit und Ernährung sind somit zentrale Dimensionen von Ungleichheit und (Un-)Gerechtigkeit in der Stadt. Umso überraschender ist es, dass die kritische Stadtgeographie die sozial-räumlichen Ursachen und Effekte des ungleichen Zugangs zu Gesundheit und gesunder Ernährung in Städten bislang nur wenig problematisiert.

    Wie also können wir in der kritischen Stadtgeographie Gesundheit und Ernährung als Ungleichheitsdimension genauer in den Blick nehmen? Welche theoretischen Konzepte und welche empirischen Ansatzpunkte bieten sich dafür an? Wie lassen sich diese Ungleichheiten erklären und wie könnte eine gesundheits- und ernährungsgerechte Stadt aussehen? Welche Gerechtigkeitskonzeptionen (z.B. nach Iris Marion Young, Nancy Fraser, David Harvey, Susan Fainstein) können eine kritische geographische Forschung zu Gesundheit und Ernährung in der Stadt informieren? Inwiefern kann die kritische Stadtgeographie von der Politischen Ökologie und der Environmental Justice Bewegung, von Critical Public Health und Ansätzen aus der Medizinanthropologie oder der Kritischen Sozialepidemiologie lernen? Und was bietet uns die Gesundheitsgeographie an kritischen Potenzialen? Inwiefern können auf der anderen Seite zentrale stadtgeographische Kritiken an Austerität, Neoliberalisierung, Segregation und Verdrängung, Postdemokratisierung und Einschränkung von Partizipationsmöglichkeiten, Verweigerung von citizenship u.v.m. die Diskussion um sozial-räumliche Ursachen und Prozesse gesundheitsrelevanter Veränderungen bereichern? Und: welche geographischen Unterschiede sind dabei zu berücksichtigen, inwiefern unterscheiden sich z.B. empirische Befunde und Erklärungsansätze aus Europa von denen aus Nord- oder Lateinamerika?

    Wir erbitten zu diesen und weiteren Fragen sowohl theoretisch-konzeptionelle als auch empirische Beiträge, gern auch in international vergleichender Perspektive.

  • L2-FS-044Das Gemeinsame Europäische Asylsystem – Eine kritische Reflexion aus humangeographischer Perspektive
    Frau Prof. Dr. Birgit GloriusFrau Prof. Dr. Birte Nienaber
    TU ChemnitzUniversity of Luxembourg

    Kurzabstract

    Die Sitzung reflektiert die Struktur des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems aus einer konstruktivistischen Perspektive und zeigt die Folgen von Essentialisierungsprozessen auf.

    Exposé

    Mobilität in die und innerhalb der EU wird durch verschiedene Regulierungssysteme strukturiert. Durch das Schengen-System wird zum einen die freie Mobilität von EU-Bürger*innen innerhalb der EU gewährleistet, zum anderen gleichzeitig eine Verstärkung der Schließung der Außengrenzen gefördert. Verschiedene weitere europäische Direktiven unterstützen die Regelung der Einwanderung aus Drittstaaten. Das Regelwerk des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems wiederum bildet die Basis für einen einheitlichen Umgang der EU-Staaten mit der Aufnahme und Verteilung von Asylsuchenden sowie der Behandlung ihrer Asylgesuche. Die zahlreiche Ankunft von Asylsuchenden in den 2010er Jahren, ihre ungleiche Verteilung auf Aufnahmeländer, politische Debatten über die Systeme Dublin III und Schengen sowie die Tatsache, dass auch Asylsuchende – so wie alle Migrant*innen –Autonomie über ihre Mobilität einfordern und praktizieren, hat gravierende Schwächen in der derzeitigen Architektur des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems aufgezeigt.

    Während die Grundidee des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) auf einer Harmonisierung von rechtlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich der Bearbeitung von Asylgesuchen, der Aufnahmebedingungen, der Rechte von anerkannten Flüchtlingen und des Umgangs mit abgelehnten Asylsuchenden basiert, zeigen sich in der Anwendung dieser rechtlichen Kriterien erhebliche Divergenzen zwischen den Staaten, aber auch auf subnationaler und lokaler Ebene.

    Aus einer konstruktivistischen Perspektive stellen sich das GEAS, aber auch die unterschiedlichen Statuskategorien im Kontext von Migration und Flucht als Konstruktionen dar. Die daraus hervorgehenden begrifflichen und räumlichen Container verschleiern die vielfältigen Facetten von Migration und Flucht und zeigen große Wirkmächtigkeit hinsichtlich (Selbst) Wahrnehmungen, Handlungsorientierungen und Praktiken der handelnden Akteure.

    Ziel dieser Fachsitzung ist es, auf der Basis von empirischen Beiträgen entsprechende Kategorisierungsprozesse aufzuzeigen und ihre Folgen hinsichtlich einer zukünftigen Ausgestaltung des GEAS zu diskutieren. Beiträge können sich auf konkrete Fallstudien auf verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen bzw. bestimmte Akteursgruppen konzentrieren. Besonders willkommen sind Beiträge, die die häufig vernachlässigte Stimme der Migrant*innen in den Mittelpunkt stellen. Mögliche Vortragssprachen sind deutsch und englisch.

  • L2-FS-045Bringing the state back in, again: Transformationen des Staates nach dem Neoliberalismus?
    Herr Dr. Sören BeckerHerr Prof. Dr. Jürgen Oßenbrügge
    Universität Bonn / Geographisches InstitutUniversität Hamburg

    Kurzabstract

    Die Sitzung diskutiert gesellschaftliche Transformationsprozesse und die Veränderungen staatlicher Institutionen. Die Staatsdiskussion in der Geographie wird in ihrer Aktualität kritisch reflektiert.

    Exposé

    In gesellschaftlichen Transformationsprozessen des frühen 21. Jahrhunderts wird dem Staat eine tragende Rolle zugesprochen: als Träger ökologischer Modernisierungsprojekte, z.B. einem möglichen Kohleausstieg, oder als Instanz zur Sicherstellung von Regulation und Verbraucherschutz in der Digitalisierung. Soziale Bewegungen von Links und Rechts mobilisieren für einen starken Staat. Nach der Finanzkrise federte ein staatlicher Bail-Out die Auswirkungen ab. Eine internationale Tendenz zu Rekommunalisierungen und ein „neuer Munizipalismus“ heben die Steuerungsmöglichkeiten des lokalen Staates hervor. Diese Entwicklungen deuten auf eine steigende Relevanz staatlichen Handelns als Ordnungsprinzip hin, und stehen doch im Widerspruch zur zunehmenden Einschreibung von Austeritätsprinzipien und dem Fortbestand wettbewerblicher Instrumente.

    In dieser Situation stellen sich aus politisch-geographischer Perspektiveeine Vielzahl analytischer Fragen, z.B.: wie lassen sich eine vermeintliche Schwächung und gleichzeitige Anrufung des Staates fassen? Welchen Transformationen unterliegt der Staat im 21. Jahrhundert und wie verhalten sich diese zu gesellschaftlichen Herausforderungen? Welche politischen Auseinandersetzungen um die Transformation von Staatlichkeit lassen sich beobachten? Spiegelt die scheinbar größere Legitimität von staatlichen Eingriffen gesellschaftliche Veränderungen und neue Kräfteverhältnisse wieder, oder bedeuten sie eine veränderte Funktionalität des Staates? Und letztlich: wie lässt sich all dies in Beziehung zu Diagnosen der Neoliberalisierung des Staates setzen?

    Ziel dieser Fachsitzung ist es, aktuelle Herausforderungen und Veränderungen des Staates aus kritischer Perspektive konzeptionell zu fassen. Damit soll die Sitzung an frühere geographische Theoriebildungen von Staat und Staatlichkeit anknüpfen, z.B. an Debatten um Globalisierung und Neoliberalisierung, sowie an Debatten um Growth-Regimes und Regulation, und diese mit zeitdiagnostischen Perspektiven verbinden. Wir laden Beiträge zu folgenden Themenfeldern ein:

    – Austerität, Rescaling und staatliche Transformation

    – Staatliche Regime, Wirtschaftskrisen und Growth-Machines

    – Privatisierung und (Re-)Kommunalisierung

    – Staat, ökologische Modernisierung und Klimapolitik

    – Die Rolle des Staates in der Digitalisierung und Plattformökonomie

  • L2-FS-046Zivilgesellschaftliche Initiative(n) und Sozialunternehmen im Kontext von Postwachstumsökonomien
    Herr Benedikt SchmidFrau Dr. Martina Hülz
    Université du LuxembourgAkademie für Raumforschung und Landesplanung

    Kurzabstract

    Diese Fachsitzung untersucht die Rolle zivilgesellschaftlicher Initiative(n) und Sozialunternehmen im Kontext von Transformationsprozessen hin zu Postwachstumsökonomien aus räumlicher Perspektive.

    Exposé

    Diese Fachsitzung untersucht die Rolle zivilgesellschaftlicher Initiativen und Sozialunternehmen im Kontext von Transformationsprozessen hin zu wachstumsunabhängigen Formen des Wirtschaftens. Besondere Bedeutung kommt der Frage zu, wie sich diese Prozesse aus räumlicher Perspektive darstellen und gefasst werden können.

    Ausgangspunkt ist ein erweitertes Verständnis von Wirtschaft, welches über den marktförmigen Tausch von Waren, gewinnorientierte Unternehmen und Lohnarbeit hinausreicht und sich alternativen Formen des Tauschens und Schenkens, gemeinwohlorientierten Organisationen (non-profit, social-profit, Sozialunternehmen, eco-social enterprises…) und nicht monetär entlohnter Arbeit (Care Arbeit, Reproduktionsarbeit…) öffnet. Dadurch werden eine Vielzahl wirtschaftlicher Aktivitäten sichtbar, die meist getrennt von den Tätigkeiten traditioneller Unternehmen wahrgenommen und diskutiert werden – Gemeinschaftsgärten, Offene Werkstätten, Reparaturtreffs, Commons- und Open Source Projekte, Zeitbanken etc.. Ebenso verschwimmen die Grenzen zwischen gewinnorientierten und gemeinwohlorientierten Organisationen bei der Betrachtung von Sozialunternehmen, Gemeinwohlunternehmen,Genossenschaften, u.s.w..

    Postwachstumsdiskurse wenden sich den alternativwirtschaftlichen Praktiken diverser Organisationen zu und diskutieren die Möglichkeiten und Bedeutungen, die ihnen für Transformationsprozesse zukommen. Dabei fehlt es jedoch noch an einem detaillierten und empirisch begründeten Verständnis, wie zivilgesellschaftliche Initiative(n), Sozialunternehmen u.a. in den Wandel sozialer Institutionen, Normen und Praktiken eingebettet sind und welche Bedeutung ihnen in einer wachstumsunabhängigen Wirtschaft zukommen.

    Die Geographie ist insbesondere dazu angehalten, die räumlichen Implikationen dieser Prozesse zu verstehen und methodische sowie konzeptionelle Werkzeuge bereitzustellen, um diese zu untersuchen. Eingeladen sind empirische und konzeptionelle Beiträge, die sich kritisch mit alternativwirtschaftlichen Praktiken und Organisationsformen auseinandersetzen. Fragestellungen können unter anderem umfassen: Skalierung/Ausbreitung, räumliche Perspektiven auf Transformationsprozesse, Politiken zivilgesellschaftlicher Initiativen, Organisationsformen und Postwachstumsorganisationen, for-profit/non-profit/social-profit, Sozialunternehmen, grünes Unternehmertum.

    Unterstützt durch den Arbeitskreis Postwachstumsökonomien in der ARL.

  • L2-FS-047Labour Geography und Dimensionen kapitalistischer Reproduktionsweise
    Frau Dr. Stefanie HürtgenHerr Dr. Felix Silomon-Pflug
    Universität Salzburg, Fachbereich Geologie und GeographieUniversität Frankfurt, Institut für Humangeographie

    Kurzabstract

    Wie kann Labour als sozialer und geographischer Akteur im analytischen Zusammenhang mit strukturellen Dimensionen kapitalistischer (Re-)Produktion sinnvoll konzipiert werden?

    Exposé

    Vor mehr als 20 Jahren wurden sowohl der Mainstream wie auch kritisch-heterodoxe Ansätze der Wirtschaftsgeographie sehr grundlegend für ihre theoretische Reduktion von Arbeit/Labour auf einen passiven (Kosten-)Faktor kritisiert. Labour, so das Credo, sei kein Objekt ökonomischer Gesetze oder Kapitalstrategien, sondern selbst ein sozialer und geographischer Akteur (Herod 1997). Seither ist in zahlreichen Beiträgen eben diese geographische Agency von Arbeit ausgelotet worden.

    Allerdings gibt es auch eine wichtige Kritik an der gegenwärtigen Verfassung der Labour Geography. Mit ihrem Boom kam es zu einem ausgeprägten Empirismus, der oftmals theoretisch unverbunden bleibt zu übergreifenden Strukturen kapitalistischer (Re-)Produktionsweise (Peck2003; Mitchell 2011; Coe 2012; Herod 2016). Die vormals kritisierte Passivierung von Labour als Objekt droht nunmehr mitunter umzukippen in eine „agency-centeredontology“ (Peck 2013).

    Um den wichtigen konzeptionellen Anspruch der Labour Geography zu stärken, ist mithin ihre kritische konzeptionelle Diskussion und Weiterentwicklung nötig. Dies soll Gegenstand unserer Sitzung sein. Unsere Leitfrage dazu lautet: Wie kann Arbeit als soziale, politische und ökonomische Geographien (mit-)produzierende Kraft konzipiert werden, ohne den analytischen Zusammenhang zu „strukturellen“ Momenten gegenwärtiger sozio-ökonomisch-kapitalistischer Vergesellschaftung aus dem Blick zu verlieren? Hierzu laden wir sowohl konzeptionelle als auch empirische Beiträge ein, die folgende, aber auch verwandte Themen abdecken:

    – Welches Verhältnis besteht zwischen der räumlichen Agency von Arbeit und gegenwärtigen sozialen Formationen der kapitalistischen (Re-)Produktionsweise?

    – Welche sozio-räumliche Relevanz und welche Einschränkungen beobachten wir bzgl. der Agency von Arbeit? Wie können diese konzipiert werden?

    – Welche Rolle spielen Maßstabsebenen für die Agency von Arbeit in der gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsweise?

    – Wie können wir die (beschränkenden) Bedingungen der Agency von Arbeit theoretisieren, ohne darauf zurückzufallen, Arbeit als rein strukturelle Bedingungen zu betrachten oder zu objektivieren?

    Die Fachsitzung ist als Workshop konzipiert, d.h. wir planen kurze Statements und die Beifügung von Thesenpapieren, die dann gemeinsam diskutiert werden. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge dazu.

  • L2-FS-048Die kritische soziale Praxis des Forschens: Positionen zum Verhältnis von Feldforschung und Verantwortung.
    Frau Sarah KlosterkampHerr Dr. Alexander Vorbrugg
    Universität MünsterUniversität Bern

    Kurzabstract

    In dieser Fachsitzung möchten wir zu einem Austausch über politisch-ethische Herausforderungen und Möglichkeiten im Rahmen traditioneller und neuer Formate der Feldforschung einladen.

    Exposé

    Feldforschung ist eine für die Hochschulgeographie konstitutive Praxis, auf der Kollaborationsprojekte etablierter Forscher*innen ebenso aufbauen wie Studien- und Qualifikationsarbeiten Studierender und Promovierender. Zum etablierten Bestand gehören neben Interviews auch Forschungsreisen und teilnehmende Forschungsmethoden, zu dem sich in jüngerer Zeit auch neue Verfahren wie etwa digitale Ethnographien und Untersuchungsfelder wie das Gerichts- und Gefängniswesen gesellen. Dabei entstehen soziale Situationen die nicht selten zu Widersprüchen, Enttäuschungen, Ängsten oder Konflikten führen. Gerade Nachwuchsforscher*innen nehmen diese häufig als sehr grundlegende Herausforderungen oder Momente des `Scheiterns´ wahr. Zwar thematisieren Debatten zu feministischer Forschungspraxis, partizipativ/aktivistischen Ansätzen oder postkolonialer Kritik solche Spannungen explizit. Solange Feldforschung jedoch `einfach gemacht´ wird und ein individualisiertes Anliegen bleibt, kommt ein (kollegialer) Austausch darüber häufig zu kurz.

    Mit dieser Fachsitzung möchten wir zu einem solchen Austausch einladen und fragen: Wie können `wir´ ethischen und politischen Ansprüchen gerecht werden, ohne dabei die Forschungspraxis mit Regelungen, Erwartungen und weiteren Hürden zu überladen? Welche Risiken birgt die Feldforschung – und für wen? Welche Verantwortung ergibt sich aus der Zusammenarbeit mit vulnerablen oder benachteiligten Gruppen? Wie verändern sich Risiken und Möglichkeiten, wenn wir machtvolle Akteure und Institutionen beforschen? Wann wird es zu `unserer´ Verantwortung, genau das zu tun? Wann sind Aushandlung und Reflexion elementar und wann stoßen sie an Grenzen? Wer repräsentiert wen auf welche Weise, und wer produziert welches Wissen mit welchem Wahrheitsanspruch?

    Wir freuen uns über Beiträge (à 15 Min. plus gem. Diskussion am Ende), die politisch-ethische Herausforderungen und/oder Möglichkeiten im/nach dem Prozess des Feldforschens anhand eigener Erfahrungen im Rahmen von

    – – neuen Feldzugängen (in/mit/durch soziale Medien, online-Plattformen etc.)

    – – der Arbeit mit vulnerablen und benachteiligten Gruppen

    – – dem Beforschen von machtvollen Institutionen und Akteuren

    – – partizipativen oder kollektiven Forschungsprojekten

    – – feministischen und kritischen Forschungsansprüchen

    – – unvorhergesehenen Risiken und Herausforderungen und dem Umgang mit Momenten des `Scheiterns‘

    aufzeigen oder solche Aspekte auf methodologischer Ebene reflektieren.

  • L2-FS-049Staatlichkeit und Schuldenbremse – Zukunft sozialer Infrastrukturen zwischen öffentlich und privat
    Frau Dr. Anika DuveneckHerr Dr. Michael Mießner
    Freie Universität BerlinGeorg-August-Universität Göttingen

    Kurzabstract

    Anhand neuer Modelle für öffentliche Infrastrukturinvestitionen wird diskutiert, wie sich das Verhältnis von „öffentlich und privat“ im Kontext der Schuldenbremse verändert und welche Folgen das hat.

    Exposé

    Als Reaktion auf die Wirtschafts- und Finanzkrise wurde eine grundgesetzliche Änderung mit weitreichenden Auswirkungen für die öffentliche Infrastruktur beschlossen: Die Schuldenbremse. Sie verbietet den Ländern ab 2020 flächendeckend die Aufnahme neuer Schulden. Gleichzeitig sind allein zur Bewältigung des hohen Sanierungsstaus Investitionen in Milliardenhöhe nötig. Das Modell der Öffentlich-Privaten-Partnerschaften (ÖPP), die die Aufnahme von Krediten in der Privatwirtschaft erlauben, wird aufgrund schlechter Erfahrungen für die öffentliche Hand zunehmend kritisch gesehen. Deshalb beginnen kommunale Akteure nach politischen Alternativen zu suchen.

    Ein Modell sind Öffentlich-Öffentliche Partnerschaften (ÖÖP). Infrastrukturinvestitionen sollen mit landeseigenen bzw. kommunalen GmbHs, also in der „öffentlichen Familie“, erfolgen. So soll zum Beispiel im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive die Zusammenarbeit mit einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft mit Modellcharakter für bundesweite Investitionen in die öffentliche Infrastruktur erprobt werden. Andere Modelle schlagen Stiftungen öffentlichen Rechts für die Sicherung von kommunalem Eigentum und die Erhaltung sozialer Infrastrukturen vor, um ihren sozialen Zweck über mehrere Wahlperiodenhinweg sicherstellen zu können. Ziel ist jeweils die Umgehung der Schuldenbremse zur Wahrung der öffentlichen Handlungsfähigkeit.

    Doch wie wirkt sich der Weg über das Privatrecht in der Praxis aus? Welchen Unterschied macht es, wenn eine GmbH nicht in privater, sondern in öffentlicher Hand ist? Zieht eine neue Rationalität in die Bereitstellung öffentlicher Infrastrukturen ein, wenn diese nicht direkt durch die öffentliche Hand, sondern durch kommunale oder landeseigene Betriebe bereitgestellt wird? Deuten die neuen Modelle auf neue Formen der Staatlichkeit hin und was sagen sie über das Verhältnis von Staat und Gesellschaft aus? Handelt es sich dabei tatsächlich um Gegenentwürfe zur Logik fiskalischer Austeritätspolitik, oder vielmehr um neue Lösungen für deren Vollzug? Und wie müssten Gegenentwürfe aussehen?

    Um diese Frage zu beantworten, möchten wir gemeinsam Beispiele für die Neuordnung des Verhältnisses von öffentlich und privat analysieren, die Auswirkungen für die Möglichkeiten einer solidarischen Gestaltung von Gesellschaft diskutieren und fragen, was das für Positionen und Interventionen einer Kritischen Geographie bedeutet.

  • L2-FS-050Ländlich, abgehängt, rechts? Forschungszugänge zu Unsicherheiten, populistischen Bewegungen und ihren Verräumlichungen
    Frau Dr. Kristine BeurskensFrau Prof. Dr. Judith Miggelbrink
    Leibniz-Institut für LänderkundeTU Dresden

    Kurzabstract

    Die Sitzung problematisiert Zusammenhänge zwischen Erfahrungen des Abgehängtseins und deren rechte Ideologisierungen. Sie hinterfragt beobachtbare Verräumlichungen dieser Phänomene kritisch.

    Exposé

    Immer wieder werden Thesen diskutiert, dass rechtepolitische Orientierungen mit Erfahrungen, Gefühlen und Vorstellungen des „Abgehängtseins“ zusammenhängen. Wenn auch nur in sehr holzschnittartigen Argumentationen eine unmittelbare Kausalität unterstellt wird, erscheint doch die Annahme eines irgendwie vermittelten Zusammenhangs zwischen ökonomischer, sozialer und politischer Marginalisierung auf der einen Seite und rechtenpolitischen Orientierungen und reaktionären, teilweise xenophoben Äußerungen auf der anderen vielfach plausibel und wird auch in öffentlichen Debatten als mehr oder minderreflektierte Heuristik zu Grunde gelegt. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass rechte Politik genau diese Gefühls- und Erfahrungsebene strategisch bedient.

    Wir nehmen dies zum Anlass, in einer Fachsitzung den Zusammenhang zwischen kollektiven (regionalen) und subjektiven Erfahrungen des Abgehängtseins und dessen Ideologisierung zu diskutieren. Dabei geht es uns insbesondere auch darum, die vielfach mitlaufende Unterscheidung von – teils auch bereits intensiver untersuchten – großstädtischen und ländlich-kleinstädtischen Kontexten in Bezug auf rechte politische Orientierungen explizit in den Blick zu nehmen und ihre (analytische) Tragfähigkeit zu hinterfragen. Willkommen sind daher Beiträge, die sich i.w.S. mit der Frage beschäftigen, ob Gefühle der „Ferne“ vom Staat und der Ausgrenzung von ökonomischer und sozialer Teilhabe, damit verbundene Unsicherheiten und ggf. populistische Bewegungen im ländlichen Raum anderseingebettet sind, andere Formen annehmen oder eine andere (mediale) Aufmerksamkeit erhalten als in großstadtischen Kontexten – kurz: Beiträge, die diskutieren, ob das „Ländliche“ („Kleinstädtische“) hier tatsächlich einen Unterschied macht.

    Folgende Fragen sollen eine Orientierung bieten:

    – Wie und mit welchen Inhalten sind Äußerungen über Gefühle des Abgehängtseins in verschiedenen Kontexten beobachtbar? Welche raumbezogenen Aspekte werden dabei relevant (gemacht)?

    – Welche Formen des Umgangs mit der Erfahrung des Abgehängtseins sind in welchen (raumbezogenen) Kontexten beobachtbar, wie werden sie begründet, kommuniziert und umgesetzt?

    – Auf welche Weise werden Beobachtungen rechter Orientierungen in Medien, Politik und Wissenschaft verräumlicht? Welche Annahmen über existierende sozial-räumliche Ordnungen und Differenzen werden vorausgesetzt und reproduziert? Welche Differenzen werden strategisch bedient?

  • L2-FS-051Stadt │Tourismus kritisch hinterfragt – Verdrängung, Enteignung und Widerstand
    Herr Dr. Michael JanoschkaHerr Dr. Alejandro Armas-Díaz
    University of Leeds / School of GeographyUniversität Leipzig / Institut für Geographie

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung diskutiert sozialräumliche Auswirkungen des Tourismus aus einer Perspektive, welche Verdrängung und Enteignung als zentrale Paradigmen der heutigen Stadtentwicklungspolitik betrachtet

    Exposé

    Die Verdrängung und Enteignung von Nachbarn hat im Zuge einer rapide fortschreitenden Touristifizierung unserer Städte in der jüngeren Vergangenheit erheblichen Unmut und Proteste hervorgebracht und so zunehmenden politischen Handlungsdruck erzeugt. Die mediale Aufmerksamkeit, die mit der vom Tourismus ausgehenden Gentrifizierung seit einigen Jahren einhergeht, hat sich aber erst mit Verzögerung in stadt- und kulturgeographischen Diskussionen niedergeschlagen.

    Forschung zu diesem Themenfeld hat sich, einerseits mit der —von der Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen erfolgenden— Verdrängung von Mietern insbesondere in preiswerte Segmente auseinandergesetzt. Andere Studien hingegen betrachten die vom Tourismus ausgehende Gentrifizierung als ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches über die Wohnungsknappheit und den Einstieg von Finanzinvestoren in den Markt hinausgeht und insbesondere die symbolische Komponente der Verdrängung in den Mittelpunkt stellt. Diese Studien fokussieren auf alltägliche Spannungen, welche sich in vom Tourismus beanspruchten Orten aufladen sowie auf daraus resultierende Konflikte um die Aneignung und Nutzung des öffentlichen Raums.

    Die Fachsitzung greift diese, von der touristischen Überprägung verursachten tiefgreifenden städtischen Umbrüche auf und diskutiert die folgenden vier Fragen im Schnittfeld von Geographie und Stadtpolitik:

    – Inwiefern helfen bisherige Ansätze zur Gentrifizierung, Verdrängung und Enteignung, die vielschichtigen Facetten der Touristifizierung unserer Städte kritisch zu erfassen und zu reflektieren?

    – Wie kann die fortschreitende Professionalisierung von Dienstleistern wie Airbnb und der Eintritt von Finanzinvestoren in den touristischen Mietmarkt konzeptionell und praktisch erfasst werden?

    – Welche Methoden helfen kritischen GeographInnen, um ihr Selbstverständnis im Hinblick auf das entstehende Forschungsfeld zu thematisieren und um eine aktive Rolle in derAuseinandersetzung um die gerechte Stadt einzunehmen?

    – Was können wir von den Protesten gegen dieTouristifizierung unserer Städte in theoretischer Hinsicht lernen, welche neuen Ansichten zur sozialen und städtischen Gerechtigkeit bringen sie zum Ausdruck und wie finden diese Eingang in neue politische Ideen zur Steuerung desTourismus?

    Als Format der Fachsitzung sind vier Vorträge (je 10 Min.) mit anschließender Diskussion (je 10 Min) vorgesehen. Auf Basis der Fachsitzung ist ein Themenheft geplant.

  • L2-FS-052Ausbeutung in räumlicher Perspektive: Akteure, Praktiken und Geographien des „Geographical Transfers of Value“
    Herr Prof. Dr. Christof ParnreiterFrau Christin Bernhold
    Inst. f. Geographie, Universität HamburgInst. f. Geographie, Universität Zürich

    Kurzabstract

    Theoriegeleitete und empirische Beiträge befassen sich mit konkreten Akteuren, Praktiken und Geographien des „Geographical Transfers of Value“ auf unterschiedlichen Maßstabsebene.

    Exposé

    Ungleichheit ist in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema sozialwissenschaftlicher Forschung geworden (Piketty 2014; Milanovic 2016). Zugleich aber sind Fragen ungleicher Entwicklung in der wirtschaftsgeographischen Forschung und insbesondere in den Literaturen zu commodity / value chains und global production networks in den Hintergrund geraten, u.a. weil die der Aufstieg asiatischer Ökonomien die Aufmerksamkeit vor allem auf Strategien erfolgreichen upgradings in Wertschöpfungsketten lenkte (Phelps et al. 2018; Werner 2018). Folglich ist zwar weithin anerkannt, dass der in Produktionsnetzwerken geschaffene Reichtum in sozialer und räumlicher Sicht ungleich verteilt wird, über die konkreten Akteure, Praktiken und Geographien dieser Prozesse ungleicher Entwicklung ist aber weniger bekannt.

    Die Fachsitzung hat sich zum Ziel gesetzt, Beiträge zu versammeln, die sowohl theoriegeleitet als auch empirisch konkret sind. Ein zentraler konzeptioneller Referenzpunkt ist Costis Hadjimichalis‘ (1984) Konzept des „Geographical Transfers of Value“, das sich auf einen Prozess bezieht, durch den der an einem Standort geschaffene Wert an einen anderen transferiert wird. Dadurch werden bestehende Ungleichheiten auf regionaler, nationaler und globaler Ebene vertieft und neue geschaffen.

    Wir laden Beiträge ein, die sich auf konkrete Akteure (z.B. transnationale Konzerne, unternehmensorientierte Dienstleistungsfirmen, Regierungen), ihre Praktiken (z.B. Errichtung von Monopolen, ungleicher Tausch) und die geografischen Konstellationen (z.B. die Rolle von Global Cities) des „Geographical Transfers of Value“ konzentrieren. Die Skalen können vielfältig sein (z.B. innerstädtisch, Stadt-Land, Nord-Süd). Wir begrüßen Beiträge, die Vorschläge zur konzeptionellen Weiterentwicklung der Diskussion um den „Geographical Transfers of Value“ präsentieren (etwa im Kontext der Arbeitswerttheorie oder der Weltsystemanalyse), und solche, die methodischen Grundlagen für akteursorientierte Forschung zum „Geographical Transfers of Value“ entwickeln.

  • L2-FS-053Kritische Militärgeographie I: Analyse, Kritik und Verantwortung im Angesicht von Militärwesen, Militarismus und Militarisierung
    Herr Julian StenmannsHerr Dr. Veit Bachmann
    Institut für Humangeographie, Goethe-Universität Frankfurt am MainZentrum für Interdisziplinäre Afrikaforschung (ZIAF)

    Kurzabstract

    Kritische Militärgeographie setzt sich aus räumlicher Perspektive mit (der Alltäglichkeit von) Militärwesen, Militarismus und Prozessen der Militarisierung auseinander.

    Exposé

    Die Sitzung behandelt deutschsprachige Zugänge zur kritischen Militärgeographie. Wir nähern uns dem heterogenen Themenfeld anhand der Begriffe Militärwesen, Militarismus und Militarisierung. Das Militärwesen gehört zu den wichtigsten strukturellen Komponenten der internationalen Ordnung und der Aufrechterhaltung globaler Ungleichheit: Es dient der Absicherung von Einflussgebieten, Grenzen und Handelsflüssen und strukturiert kriegerische Konflikte. Militarismus ist ein konstitutiver Bestandteil räumlich ausdifferenzierter Alltagswelten. Auch an vermeintlich friedlichen Orten gibt es militärische Einrichtungen und ins Militärwesen involvierte Finanzakteure oder Forschung (Woodward 2004). An anderen Orten bedeutet Militarismus alltägliche Bedrohung und (oft sexualisierte) Gewalt. Tendenzen der Militarisierung umfassen u.a. das Erstarken bewaffneter nichtstaatlicher Gruppen, die Militarisierung der Polizei oder die Wiederkehr nationaler Macht- und Realpolitik. Militarisierung kann demokratische Strukturen gefährden, ruft aber auch politische Gegenreaktionen auf den Plan.

    Die Vernachlässigung dieser Themenfelder in der deutschsprachigen Geographie ist zum einen mit der Disziplingeschichte verbunden (Lacoste 1976, Michel 2016); zum anderen aber auch mit „unserer“ privilegierten Position, (bislang) nicht augenscheinlich mit diesen Entwicklungen konfrontiert zu sein. Diese vermeintliche Distanz zum „Militärischen“ steht jedoch im Gegensatz zu den weitläufigen Verflechtungen militärischer Infrastrukturen, die „uns“ häufig näher sind als angenommen (hidden militarism). In der Sitzung stellen wir diese Vernachlässigung in Frage. Im Anschluss an Debatten zu Geographien der Gewalt (Korf und Schetter 2015) und der critical militarygeography (Bachmann und Stenmanns 2018, Rech et al 2015) bietet die Sitzung kritischen Perspektiven auf Militärwesen, Militarismus und Militarisierung eine Plattform. Mögliche Themenfelder umfassen:

    – Analytischer und politischer Auftrag kritischer Militärgeographien

    – Verflechtungen von Geographie und Militär in Vergangenheit und Gegenwart

    – Militärische Infrastrukturen, Militarismus und Logistik

    – Wirtschaftsgeographien des Militärwesens und der Rüstungsindustrie

    – Geopolitische Transformationen (z.B. wieder erstarkender Nationalismus und Realpolitik)

    – Militarisierungsprozesse (z.B. im urbanen Raum, im Bereich des Klimawandels)

    – MIlitarismus, soziale Differenz und gewaltvolle Herrschaftssytem

    – Methodische und forschungsethische Fragen

  • L2-FS-054Kooperative Freiraumentwicklung – zwischen Right to the City Movement und städtischer Planungsrealität
    Herr Dr. Martin SondermannFrau Runrid Fox-Kämper
    Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL)ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung

    Kurzabstract

    Neue Formen kooperativer Freiraumentwicklung (wie Gemeinschaftsgärten) werden hinsichtlich ihrer vielfältigen soziokulturellen, politischen und administrativen Realitäten diskutiert.

    Exposé

    Kooperativ entwickelte Freiräume, wie etwa Gemeinschaftsgärten, werden hinsichtlich ihrer zahlreichen positiven Wirkungen diskutiert und in den letzten zehn Jahren intensiv untersucht. Dennoch fehlt es bisweilen an differenzierten Betrachtungen von planungspraktischen Realitäten bei der Entwicklung und (dauerhaften) Etablierung solcher Projekte.

    Kooperative Freiraumprojekte werden in raumwissenschaftlichen Arbeiten oftmals als Ausdruck des Protests gegen neoliberale Politiken und kapitalistische Wirtschaftsmodelle interpretiert, wobei diese Perspektiven den Blick auf komplexere Realitäten verstellen. Zivilgesellschaftliche Initiativen werden tendenziell positiv, als basisdemokratisch, sozial-ökologisch und gemeinwohlorientiert erachtet. So werden Gemeinschaftsgärten diskursiv mit „Right to the City“-Bewegungen verbunden und gleichzeitig als Antipode (Schmelzkopf 2002; Ghose & Pettygrove 2014) und als Stärkung der lokalen neoliberalen Politik (Rosol 2010, 2012) disktutiert. Das Handeln von Stadtpolitik und -verwaltung wird hingegen häufiger negativ, als bürokratisch, neoliberal vereinnahmend oder blockierend dargestellt. Allerdings handeln auch Stadtverwaltungen untersütztend, gemeinwohlorientiert und wirken schleichenden de-facto-Privatisierungen öffentlicher Räume durch zivilgesellschaftliche Grünprojekte entgegen, was die bisherige Rollenverteilung in den „Right to the City“-Debatten in Frage stellt (Sondermann 2017).

    Betrachtet man die planungspraktischen Realitäten wird eine Vielzahl von Governance-Arrangements sichtbar, die in einem Kontinuum von Top-down und Bottom-up verschiedene Formen zivilgesellschaftlicher Projekte mit politischer und/oder administrativer Unterstützung sichtbar werden lässt (Fox-Kämper et al. 2018). Dabei gibt es zahlreiche Modi der praktischen Zusammenarbeit, die sowohl auf der Mikroebene einzelner Projekte als auch auf einer Makroebene von Kommunen bis hin zu allgemeingesellschaftlichen und politischen Entwicklungen untersucht werden können.

    In dieser Fachsitzung wollen wir bisherige Perspektiven auf kooperative Freiraumentwicklung in Frage stellen: (1) Welche Faktoren fördern und hemmen die Entwicklung kooperativer Freiraumprojekte? (2) Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen und politisch-administrativen Akteuren? (3) Inwieweit entsprechen die bisherigen wissenschaftlichen Diskurse (z.B. „Right to the City“ und Neoliberalismus) auch den empfundenen Realitäten der Akteure?

  • L2-FS-055Zeit und Raum zusammendenken
    Frau Dr. Petra LütkeFrau Dr. Jenny Künkel
    Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für GeographieHumboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut

    Kurzabstract

    Die Session analysiert, wie Zeit und Raum bei der De-/Stabilisierung sozialer Ordnungen zusammenwirken.

    Exposé

    Raum bleibt die privilegierte Kategorie der Geographie. Dennoch verweisen – nicht zuletzt kritische – Geograph*innen zunehmend auf die Notwendigkeit, Zeit und Raumzusammen zu denken und zu untersuchen. Sie sprechen von „space-time“(Massey1991, 1994) und „spatio-temporal fixes“ (Harvey 1981, 1982; Jessop 1991)oder kollabieren die Kategorien gar in eins, wie Nigel Thrift mit seiner Konzeptualisierungvon „timespace“ (Thrift 2001). Anders als Hägerstrands (1970, 1975) frühe Zeitgeographie verstehen sie Zeit und Raum als gesellschaftlich produziert und Gesellschaft produzierend. Dies bedeutet, dass diese Prozesse des Zusammenspiels von Verräumlichung und Verzeitlichung auch Machtverhältnisse herstellen, steuern und verändern können. Beispielsweise konstituiert das Sperrgebiet, das den nächtlichen Straßenstrich vom Familienraum trennt, zugleich eine zeit-/räumliche und eine normative Ordnung. Neu entstandene temporale Muster des gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie etwa der Wandel vom fordistischen 8-Stunden-Tag zur flexibilisierten Arbeitswelt, die Ausdehnung, Simultanität und Verdichtung sozialer Praktiken in öffentlichen Räumen, korrespondieren mit neuen Raummustern, die auf unterschiedliche Weise vergeschlechtlicht, ethnisiert und schichtspezifisch sind.

    Die Sitzung versammelt daher Beiträge, die nach dem Zusammenwirken von Raum und Zeit beider De-/Stabilisierung sozialer Ordnungen fragen. Mögliche empirische, theoretische oder angewandte Paper analysieren beispielsweise:

    – Räume der Flexibilisierung und/ oder Entschleunigung, Konzepte der Slow Cities,

    – zeit-/räumliche Strategien der Kontrolle öffentlicher Räume oder städtischer Bewegungen (vom temporären Aufenthaltsverbot bis zum Flashmob),

    – temporäre und/ oderzyklische Ökonomien, Kurzzeitwohnen oder Zwischennutzungen,

    – Zeit-/ räumliche Ordnungen der Migration wie z.B. die befristeten Aufenthaltstitel oder

    – Temporäre zivilgesellschaftliche Engagements bzw. temporäre widerständige Praktiken im öffentlichen Raum.

    Die Sitzungmit drei Beiträgen wird von den Moderator*innen einleitend und mit einer abschließenden Zusammenfassung gerahmt. Eingeladen sind Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Fachdisziplinen, wie z.B. Geographie, Soziologie, Politikwissenschaften, Kulturwissenschaften, Ethnographie, Geschichtswissenschaften oder Stadtplanung. Abstracts können vom 23.11.2018- 25.01.2019 online auf der Seite des DKG 2019 in Kiel (https://www.dkg2019.de) eingereicht werden.

  • L2-FS-056The world multiple? Theorien, Methoden, Politiken
    Frau Prof. Dr. Uli BeiselFrau Prof. Dr. Julia Verne
    Universität BayreuthUniversität Bonn

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung hat zum Ziel, sich methodologisch und wissenschaftspolitisch den Konzepten Multiplizität und Relationalität zu nähern und ihre Rolle in der Forschungspraxis kritisch zu reflektieren.

    Exposé

    In den letzten zehn Jahren hat das Konzept der Multiplizität durch Arbeiten in den Science and Technology Studies (cf. Mol, The Body Multiple, 2002) weite Teile der Sozialwissenschaften beeinflusst. Auch in der Humangeographie hat Multiplizität in neueren Raumtheorien eine tragende Rolle gespielt (cf. Massey, For Space, 2005). Multiplizität und Relationalität versprechen Containerdenken, simplifizierende Binaritäten und die Schwächen von Konzepten wie Diversität und Pluralität zu überwinden, indem sie unsere Aufmerksamkeit auf die empirische Spezifität von relationalen Räumen und gelebter Vielfalt lenken. Aber was genau heißt „more than one, less than many“ für unsere Forschungspraxis, und wie kann Multiplizität empirisch gefasst werden, ohne in Pluralität abzugleiten? Die vorliegende Fachsitzung hat zum Ziel, sich methodologisch und wissenschaftspolitisch den Konzepten Multiplizität und Relationalität zu nähern und die Rolle dieser Konzepte in unserer Forschungspraxis gemeinsam und kritisch zu reflektieren. Hier soll besonderes Augenmerk auf Geographien im/des globalen Südens gerichtet werden und Fragen von (Post)kolonialität und Macht explizit mitgedacht und einbezogen werden. Wie kann räumliche Offenheit, oder mit den Worten von Doreen Massey „an ever-moving generative spatio-temporal choreography“ (Massey, 2005, 54), mit Fragen von Differenz und Macht zusammen gedacht werden? Was genau unterscheidet gelebte Multiplizität von Parallelgesellschaften? Wie können wir Überlappungen, Reibungen und Multidirektionalität analytisch erfassen und in Beziehung setzen?

  • L2-FS-057Naturaneignung in Zeiten sozial-ökologischer Transformation: Perspektiven aus Umweltgerechtigkeit und Politischer Ökologie
    Frau Dr. Verena Sandner Le GallHerr Dr. Fernando Ruiz Peyré
    Christian-Albrechts-Universität zu KielUniversität Innsbruck

    Kurzabstract

    Die Sitzung beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Naturverhältnissen und sozialökologischen Konflikten in Bezug auf Ressourcenabbau und daraus resultierenden räumlichen Dynamiken und Ungleichheiten.

    Exposé

    Ziel der Fachsitzung ist es, einen geographischen Blick auf gesellschaftliche Naturverhältnisse und aktuelle sozialökologische Konflikte in Bezug auf Ressourcenabbau und die daraus resultierenden wirtschafts- und sozialräumlichen Dynamiken und Ungleichheiten zu werfen. In der Sitzung soll die Vielfalt der aktuellen Diskussion aufgezeigt werden, die von Ansätzen der Politischen Ökologie und Umweltgerechtigkeit bis hin zu Umwelt-Governance reicht.

    Konkrete aktuelle Konflikte um Naturaneignung könnten beispielsweise Ressourcenabbau oder Transformationen der Landnutzung im Rahmen neo-extraktivistischer Wirtschaftsmodelle in Lateinamerika oder Bergbaukonflikte in Europa einschließen. Wie konfliktreich Bergbau aktuell (noch immer) ist, zeigt sich beispielsweise an der Auseinandersetzung um den Hambacher Forst in Deutschland.

    Das Versprechen des wirtschaftlichen Fortschritts hat angesichts der vielen negativen Auswirkungen des globalen Wandels und der ökologischen Krise an Glaubwürdigkeit verloren. Die sozialen und ökologischen Folgen werden jedoch weitgehend relativiert, für technisch lösbar erklärt und als notwendig für die Erreichung von „Entwicklung“ begründet. Ausgestattet mit neuen Adjektiven wie grün oder inklusiv bleibt das Wirtschaftswachstum das Rezept für Armutsbekämpfung und die Anpassung an den Klimawandel. Generalisierende und entpolitisierende Konzepte wie die SDGs oder das Anthropozän mit der Annahme, dass die Menschheit zu einem geologischen Faktor geworden ist, erfordern eine kritische Differenzierung in Kausalität, Folgen und Prozesse, Dominanz und Marginalisierung.

    Die Analyse konkreter sozial-ökologischer Konflikte kann vor diesem Hintergrund nicht entpolitisiert und ohne eine machtkritische Perspektive erfolgen. Die in der Geographie bereits seit langer Zeit in großer Vielfalt angewendeten Ansätze aus der Politischen Ökologie scheinen dafür geeignet, wobei zunehmend Fragen zu Gerechtigkeit in den Fokus genommen werden. Die Forschung zur sozial-ökologischen Transformation betont zudem auch die Notwendigkeit, nicht nur aktuelle Dynamiken zu analysieren, sondern auch die Suche nach Lösungen für sozial-ökologische Herausforderungen in den Blick zu nehmen.

    Wir möchten dazu einladen, anhand konkreter Beispiele sozial-ökologischer Konflikte mit aktuellen Theoretischen Ansätzen aus Politischer Ökologie und Umweltgerechtigkeitsforschung zu diskutieren. Vorgesehen sind vier Vorträge (á 20 Min.) mit Diskussion (10 Min.).

  • L2-FS-058Kunst als soziale Stabilisationsstrategie des urbanen Raumes?
    Frau Nora KüttelFrau Kerstin Niemann
    Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für GeographieHafenCity Universität Hamburg, Kultur der Metropole

    Kurzabstract

    In der Fachsitzung gehen wir der Frage nach, welche sozialräumlichen Effekte künstlerische Praktiken in der Stadt haben können, die nicht zwingend der Logik des Marktes folgen oder widerständig sind.

    Exposé

    Bisher lag der Schwerpunkt der geographischen Stadtforschung, die sich mit Kunst und Kreativität auseinandersetzt vorwiegend auf deren ökonomischer Rolle – allen voran die Kreativwirtschaft mit ihren Miniproduktionsstätten, die im Sinne der neoliberalen Logik als Booster für die Revitalisierung, insbesondere alter Industriestandorte, verstanden wird (vgl. Florida 2005). Das sogenannte creative placemaking wurde vor allem in postindustriellen urbanen Räumen zu einer wesentlichen Strategie der Raumentwicklungspolitik (vgl. Markusen, Gadwa 2009). Gleichzeitig existieren hierzu diverse kritische Stimmen, die beispielsweise das Konzept der creative class (vgl. Peck 2005) oder mögliche negative Folgen, wie die Festivalisierung von Kunst oder die Rolle von Künstler_innnen in Gentrifizierungsprozessen hinterfragen (vgl. Cameron, Coaffee 2005). Kaum Betrachtung finden aber die sozialen Effekte, die künstlerische Praktiken in urbanen Räumen haben können, die nicht zwingend der Logik des Marktes folgen oder widerständig sind. In unserer Fachsitzung konzentrieren wir uns daher auf die künstlerischen Praxen sozialer Stabilisationsstrategien, die Möglichkeitsräume schaffen, die Kunst des Gewöhnlichen zelebrieren oder durch Partizipation aktiv an Transformationsprozessen von urbanen Räumen mitwirken. Die Fachsitzung greift das Leitthema zwei auf, indem einerseits urbaner Raum und seine Umdeutung und Aneignung neu gedacht und performativ hergestellt und ziviles Engagement und künstlerische Praxis kritisch hinterfragt werden. Die Fachsitzung ist als klassische Vortragssitzung mit vier Vorträgen und anschließender Diskussion gedacht. Wir freuen wir uns über kritische Beiträge, die sich konzeptionell, methodisch oder durch eine angewandte Perspektive mit den Wechselwirkungen von Kunst und Migration im urbanen Raum, Kunst und Raumaneignung, Kunst und Nachbarschaft oder auch Kunst und partizipativer Stadtentwicklung auseinandersetzen. Wir greifen hierbei Kunst absichtlich als weiten Begriff unter den eine Vielzahl von Praktiken fallen kann.

    Cameron, S.; Coaffee, J. (2005): Art, Gentrification and Regeneration – From Artists as Pioneer to Public Arts. IN: European Journal of Housing Policy. Vol. 5(1). S. 39-58; Florida, R. (2005): Cities and the Creative Class. New York, London; Markusen, A., Gadwa, A. (2010): Creative Placemaking. Washington/DC; Peck, J. (2005): Struggling with the Creative Class. IN: International Journal of Urban and Regional Research. Vol. 29(4). S. 740-770.

  • L2-FS-059Perspectives of Critical Geography from the Global South
    Herr Dr. Sören WeißermelHerr Prof. Dr. César Simoni Santos
    Geographisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu KielDepartamento de Geografia, Universidade de São Paulo

    Kurzabstract

    The session is about critical knowledge produced in the Global South that is able to analyze global social issues and dialogue with other perspectives in geography to understand contemporary realities

    Exposé

    The production of geographical knowledge in the Global South is gaining significance for the comprehension of forms of social reproduction that are deeply interconnected on the global scale. Often, however, such critical approaches partially originate in the Global North. Marxist, Lefebvrian, world-system, Foucauldian, postcolonial and other approaches form part of a whole of influences that compose critical geographic perspectives in the South. Nevertheless, these approaches are reworked and adapted to the diverse realities of the countries of the South. How do these perspectives, theories and approaches interfere in the production of geographic knowledge at the global scale? Regarding the plea of several scholars to integrate subaltern voices and theoretical approaches produced in the Global South into mainstream academic debate, one can ask: Do the Western influences of such approaches diminish the significance or the originality of the studies and reflections for critical analysis? However, is this question legitimate? If so, which contributions could be extracted from those approaches for the construction of a richer and more potent critical thinking? These are some questions that may stimulate and guide the session’s discussions.

    This session aims to give insight into critical knowledge production and theories applied in the Global South. It seeks for critical academic approaches that are able to analyze the pluralistic realities of subaltern people, understand the complex processes related to the continuous production of social inequalities and uneven developments and aid to promote resistance against imperialist and (neo-)colonial forces, among others. Furthermore, a special interest lies on approaches and concepts produced in the political work of social movements or other civil society and/or grassroots entities. In this sense, the session seeks for plural ways of perceiving the world in order to promote a dialogue between different knowledge systems. While it sets a theoretical focus on epistemologies, the session welcomes contributions that use case studies in order to elucidate processes of critical knowledge production. Contributions should have direct relevance for the production of theory in Critical Geography.

    The session will consist of three presentations (15 minutes each), followed by a joint discussion. Contributions and discussions shall be held in English.

  • L2-FS-060Klimagerechtigkeit und Geschlechterverhältnisse
    Herr Dr. Jonas HeinHerr Dr. Yvonne Kunz
    CAU KielUni Göttingen

    Kurzabstract

    Wir wollen, aufbauend auf Ansätzen der feministischen politischen Ökologie und der Umweltgerechtigkeitsforschung, Fragen der Geschlechtergerechtigkeit im Kontext des Klimawandels diskutieren.

    Exposé

    Der Klimawandel gehört zu den dringendsten Themen unserer Zeit. Viele der in den letzten Dekaden umgesetzten Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen waren klimapolitisch wenig erfolgreich. Ansätze wie der CDM und REDD+ und die Ausweitung der Nutzung vermeintlich kohlenstoffneutraler Biotreibstoffe wurden vielfach kritisiert. Diese Maßnahmen haben in einigen Regionen des Globalen Südens Umweltkonflikte verschärft und den Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen begrenzt und so die Resilienz der am stärksten vom Klimawandel betroffenen sozialen Gruppen gesenkt. Folglich sind ohnehin marginalisierte Gruppen sowohl im besondere Maße von den Auswirkungen von Klimawandel als auch von klimapolitischen Maßnahmen betroffen.

    Ziel dieser Fachsitzung ist es, aufbauend auf Ansätzen der feministischen politischen Ökologie und der Umweltgerechtigkeitsforschung, Fragen der Geschlechtergerechtigkeit im Kontext des Klimawandels zu diskutieren. Fragen der Geschlechtergerechtigkeit sind hier auf mindestens drei Ebenen relevant. Erstens beeinflussen Geschlechterverhältnisse und weitere soziale Differenzlinien die Vulnerabilität gegenüber dem Klimawandel, z. B. Zugang zu Wasserressourcen. Zweitens sind Frauen in den verschiedenen Institutionen und Entscheidungsgremien der Klimagovernance unterrepräsentiert. Drittens wirken sich Mechanismen wie CDM und REDD+ als auch Richtlinien wie die European EnergyDirective auf unterschiedliche Weise auf soziale Differenzlinien aus und verändern diese.

    Hierfür laden wir Vorträge aus Theorie und Praxis ein, die sich insbesondere mit folgenden Fragen beschäftigen:

    Welche Auswirkungenhaben sowohl der Klimawandel als auch klimapolitische Maßnahmen(z. B. REDD+, Anpassungspolitik, Biotreibstoffe) auf ungleiche Geschlechterverhältnisse? Reproduzieren oder destabilisieren diese bestehenden Ungleichgewichte?

    Welche Rolle spielen Geschlechterverhältnisse in der Klimagovernance? Inwieweit bestehen Partizipationsmöglichkeiten? Schaffen die Klimaverhandlungen trotzder Unterrepräsentiertheit von Frauen zusätzliche Agency? Welche Rolle spielen unterschiedliche Vorstellungen von Geschlechtergerechtigkeit im Rahmen der Klimaverhandlungen?

    Welche Auswirkungen haben klimapolitische Maßnahmen (z. B.: REDD+, CDM, Biotreibstoffe) auf geschlechterspezifische Arbeitsteilungen und den Zugang zu Ressourcen?

    Welche methodischeFragen bzw. Herausforderungen ergeben sich bei der Auseinandersetzung mit Themen in diesem Kontext?

  • L2-FS-061Partizipation, Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie: ihre Relevanz in Zeiten des Populismus und der Demokratiekrise
    Herr Dr. Edgar WunderHerr Dr. Klaus Geiselhart
    Geographisches Institut der Ruhr-Universität BochumGeographisches Institut der Universität Erlangen-Nürnberg

    Kurzabstract

    Beiträge der Kritischen Geographie zur Analyse des gegenwärtigen Trends zum Populismus und der damit verbundenen Demokratiekrise

    Exposé

    Für die aktuelle Welle des Populismus und der damit verbundenen Krise der Demokratie gibt es im Wesentlichen drei Erklärungsmuster. Erstens wird darin eine Abwehrreaktion auf Flüchtlingsbewegungen und kulturelle „Überfremdung“ gesehen. Dies überzeugt wenig, weil sich der Populismus auch in Ländern und Regionen ausbreitet, die vom Migrationsgeschehen wenig berührt sind und z. B. die AfD ihre jüngsten Wahlerfolge zu Zeiten stark sinkender Flüchtlingszahlen erzielen konnte. Zweitens werden soziale Verwerfungen durch einen tendenziellen Abbau des Sozialstaats und anderer sozialer Sicherheiten verantwortlich gemacht. Dem stehen zahlreiche empirische Studien entgegen, die aufzeigen, dass die von sozialer Marginalisierung tatsächlich Betroffenen in der AfD-Wählerschaft nicht überrepräsentiert sind. Drittens werden politische Partizipationsdefizite in einer „eingerosteten“ repräsentativen Demokratie mit nur noch geringer Eliten-Responsivität und einem Trend zur „Postdemokratie“ verantwortlich gemacht, die das Vertrauen in das politische System erodieren lassen. Für dieses dritte Erklärungsmuster spricht gegenwärtig empirisch am meisten.

    In dieser Sitzung wollen uns deshalb dem Phänomen des Populismus aus der Perspektive einer gesellschaftskritisch analysierenden Geographie unter Demokratiegesichtspunkten nähern. Welche Rolle spielen über Wahlen hinausgehende Formen der Partizipation, der Bürgerbeteiligung oder der direkten Demokratie für die Ausbreitung oder Eindämmung gegenwärtiger populistischer Bewegungen? Welche Anschlussmöglichkeiten gibt es dabei zu bisherigen Diskussionssträngen in der Kritischen Geographie?

    Für diese Sitzung sind sowohl theoretische Beiträge, Einzelfall-Studien, empirisch-systematische Untersuchungen wie auch pointiert zugespitzte Thesensammlungen willkommen, die zu einer kontroversen Diskussion anregen. Geplant sind mehrere Vorträge in Verbindung mit einer Podiumsdiskussion.

  • L2-FS-062Zur Finanzialisierung der Stadt – Visualisierung, Konzeptualisierung und die Suche nach alternativen Modellen
    Herr Dr. Michael JanoschkaFrau Prof. Dr. Susanne Heeg
    University of LeedsGoethe-Universität Frankfurt

    Kurzabstract

    Die Fachsitzung erörtert, wie die kritische geographische Stadtforschung die Prozesse der Finanzialisierung visualisiert, konzeptionell hinterfragt und soziale und politische Alternativen entwickelt.

    Exposé

    Seit der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich im Schnittfeld der kritischen geographischen Stadtforschung mit heterodoxen Wirtschaftswissenschaften und politischer Ökonomie ein tiefgreifender Wandel der Paradigmen ereignet, welche zur Erklärung, Visualisierung und konzeptionellen Fundierung der Finanzialisierung von Stadtpolitik und Wohnungsmärkten herangezogen werden. Gleichzeitig haben sich in der „realen“ Stadt- und Wirtschafspolitik die Verdrängungsprozesse dramatisch verschärft. Der Immobilienboom in Deutschland, die fortschreitende Internationalisierung des Wohnungsmarktes im Großraum London und der Markteintritt von Investmentfonds in süd- und osteuropäischen Immobilienmärkten sind nur die Zeichen einer tiefgreifenden Restrukturierung, die in vielen europäischen Städten erfolgt und erhebliche gesellschaftliche und sozialräumliche Auswirkungen nach sich zieht.

    Vor diesem Hintergrund stellt sich die in politischer, sozialer und wissenschaftlicher Hinsicht relevante Frage, welche Deutungsangebote die kritische geographische Stadtforschung in Bezug auf Prozesse der städtischen Finanzialisierung anbietet und welche konzeptionellen und methodologischen Ansätze und Praktiken in der Lage sind, politische Alternativen zu fördern, zu entwickeln und somit den gesellschaftlichen Diskurs und politische Praxis mitzugestalten. Die Fachsitzung greift diese theoretische und explizit normative Perspektive auf, indem sie aktuelle Forschungen im Spannungsfeld von Finanzialisierung und Wohnungswirtschaft anhand von drei zentralen Fragestellungen diskutiert.

    1. Wie kann die städtische Restrukturierung durch die Finzanzindustrie konzeptionell hinterfragt, neu durchdacht und in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gestellt werden, der radikal neue Perspektiven auf die Immobilienwirtschaft verlangt?

    2. Wie kann die kritische Stadtforschung zur besseren, auf empirischen Studien basierenden Visualisierung der nachteiligen Effekte der Finanzialisierung beitragen und so gesellschaftliche und politische Diskurse und die Kritik des Finanzsektors beeinflussen?

    3. Was kann die kritische Stadtforschung von sozialen und wohnungswirtschaftlichen Experimenten und innovativen Modellen lernen, die pragmatische Alternativen entwickeln und Wohnraum gesellschaftlich, politisch und monetär neu definieren?

    Als Format der Fachsitzung sind vier Vorträge mit anschließender Diskussion vorgesehen.

  • L2-FS-063Overtourism! Ende des Tourismus, Ende derTourismusgeographie?
    Frau Prof. Dr. Nadine ScharfenortHerr Prof. Dr. Hans Hopfinger
    Freie Universität BerlinKath. Universität Eichstätt-Ingolstadt

    Kurzabstract

    ‚Overtourism‘ als Ausdruck systemhaft ungebändigten kapitalistischen Wachstums soll in seinen Erscheinungsformen beschrieben, ursachenbezogen analysiert und mit Lösungsvorschlägen diskutiert werden

    Exposé

    Globalisierung und Tourismus sind hochgradig miteinander interdependent, da internationaler Tourismus gleichzeitig als Phänomen und Treiber zunehmender Globalisierungsprozesse fungiert. Eingebettet in den systemhaften Rahmen einer verstärkten und, speziell im Tourismus, nahezu ungebändigten kapitalistischen Entwicklung hat dieser enge Konnex zu einem rasanten Wachstum des Tourismus weltweit geführt. Ein Wachstum, das im Durchschnitt pro Jahr stets mit ein bis zwei Prozentpunkten über dem Wachstum der Weltwirtschaft liegt und in ökonomischer Perspektive den Tourismus zu einer der bedeutendsten Leitindustrien des 21. Jahrhunderts gemacht hat.

    Vor diesem Hintergrund hat das rasante Wachstum des Tourismus jedoch nicht nur zu positiven Effekten, sondern auch zu ‚overtourism‘ geführt – Überlastungserscheinungen jenseits einer nur schwer bestimmbaren öko-sozialen und kulturellen, aber auch ökonomischen Tragfähigkeit, die das gesamte System des Tourismus in Frage stellen und zu seinem Ende zu führen drohen. Hohe zeitliche und räumliche Konzentrationen von Reisenden, neue Reiseformen und Vermarktungskanäle, neueste Technologien im Bereich Reiseinformation, -kommunikation und -management sowie die gestiegene Mobilität von Menschen auch aus neu erschlossenen (v.a. Fern-)Märkten erzwingen Aushandlungsprozesse von Raum und Macht in und zwischen den Destinationen, aber auch mit Bezug auf die Bereisten sowie zwischen den Reisenden untereinander.

    Die Fachsitzung hat zum Ziel, Phänomene der Überlastung anhand verschiedener geographischer Fallstudien und mit Blick auf sozio-kulturelle, ökonomische und ökologische Aspekte zu beleuchten, ihre Ursachen und Hintergründe zu analysieren und unter Einbezug von Überlegungen zur Nachhaltigkeit mögliche Lösungsvorschläge zu diskutieren.

    Format: Fachsitzung mit drei bis vier Fachvorträgen und anschließender Diskussion

  • L2-FS-064Sozioökonomische Bildung als Beitrag zur Förderung von Kritikfähigkeit, Emanzipation und Partizipation von jungen Menschen
    Herr Prof. Dr. Christian FridrichHerr Prof. Dr. Matthias Kowasch
    Pädagogische Hochschule WienPädagogische Hochschule Steiermark

    Kurzabstract

    Im Zentrum der Diskussion stehen begünstigende und hemmende Einflussgrößen, die durch eine subjekt- und lebensweltorientierte ökonomische Bildung auf Kritikfähigkeit, Emanzipation und Partizipation wirken.

    Exposé

    Obwohl ökonomische Bildung in hochgradig ökonomisch geprägten europäischen Gesellschaften zur Allgemeinbildung zählt, kommt der ökonomischen Bildung im Rahmen der geographischen Bildung oft ein geringer Stellenwert zu (Fridrich 2013). Zudem bleibt meist unhinterfragt, welche Art ökonomische Bildung zur Entfaltung einer Orientierungs-, Urteils- und Handlungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beiträgt. Der Schluss liegt nahe, dass dies nicht von einer unkritisch verstandenen und monoparadigmatisch – nämlich am ökonomischen Mainstream – ausgerichteten ökonomischen Bildung geleistet werden kann (Hedtke 2018).

    Demgegenüber versteht die sozioökonomische Bildung Wirtschaft als gesellschaftlich eingebettet und somit von allen Menschen mitgestaltbar (Famulla 2014, Hedtke 2015), wodurch Jugendliche und ihre Lebenswelten explizit eingeschlossen sind. Dieser fordert kritische Zugänge durch Reflexion des praktizierten Wirtschaftens auf verschiedenen Maßstabsebenen einschließlich der Interessen- und Machtkonstellationen im Sinne eines Zugangs zur politischen Bildung (Vielhaber 1999, Fridrich und Hofmann-Schneller 2017). Neben der Fähigkeit, selbstkritisch und kritisch gegenüber der Welt zu sein (Hedtke 2015) sollen Jugendliche befähigt werden, sich von Bevormundungen zu emanzipieren, ihre Lebenslage selbstbestimmt zu gestalten, sich eine begründete, ethisch fundierte Meinung zu bilden (Ulrich 2008) sowie an gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozessen mündig mitzuwirken.

    Das wirft eine Reihe von Fragen auf: Welche Gruppierungen haben aus welchen Gründen nach wie vor und sogar verstärkt Interesse, einzig den ökonomischen Mainstream in der ökonomischen Bildung zu verankern? Ist die Thematisierung von jugendlichen Lebenswelten überhaupt legitim? Wie können inhaltliche Mehrperspektivität und Pluralismus im Rahmen der sozioökonomischen Bildung geleistet werden? Wer darf welche Maßstäbe für Kritikfähigkeit, Emanzipation und Partizipation setzen?

  • L2-FS-234Kultur– und Kreativwirtschaft als strategische Ressource zur „In-Wertsetzung“ von Städten und Regionen
    Frau Dr. Tina HaischFrau Prof. Dr. Suntje Schmidt
    Hochschule für WirtschaftIRS / Humboldt-Universität zu Berlin

    Kurzabstract

    Die Diskussionsrunde adressiert die (strategischen) Interaktionen und Assoziationen zwischen kultur-und kreativwirtschaftlichen Elementen sowie Individuen und Unternehmen in Städten und Regionen.

    Exposé

    Gesellschaftliche Umbrüche und Aufbrüche kennzeichnen das momentane Zeitalter von Diskontinuitäten. Digitale Transformation, demografischer Wandel, zunehmende Mobilität, Urbanisierung und Klimawandel sind nur einige dieser Prozesse, welche die Zusammenarbeit, das gesellschaftliche Leben, Formen und Heuristiken der Produktion rasant verändern. Technologisierung und Digitalisierung erzeugen Konformitäten bei einem gleichzeitigen Trend zur Individualisierung von Lebens- und Arbeitswelten.

    Individualisierung drückt sich durch Assoziationen zwischen kultur- und kreativwirtschaftlichen Elementen wie Design, Musik, Kunst, Mode und Theater aus. Städte und Regionen konstruieren Assoziationen, um in einer Welt von Hyper-Konsum und zunehmender Konformität abzuheben und Alleinstellungsmerkmale im Wettbewerb um Talente, Kapital, Bewohner und Besucher herauszuheben. Individualisierung zeigt sich auch auf der Ebene der Erwerbstätigen und Kreativschaffenden. Räumlich fragmentierte Wertschöpfungs-, Innovations- und Produktionsprozesse verlagern unternehmerische Risiken auf Leistungserbringer. Dies zeigt sich beispielsweise durch eine steigende Zahl an Freischaffenden, Startup-Unternehmern, Freelancern und a-typischen Beschäftigungsformen. Diese Prozesse sind vor allem in urbanen Räumen zu beobachten, in welchen sich Individuen durch Mode und Design hervorheben (Hipster), sich Unternehmen und unternehmerische Projekte nahe Galerien, Konzerthäusern und trendigen Restaurants ansiedeln, in denen Kultur produziert, reproduziert und konsumiert wird und in denen ästhetische Neuerungen verhandelt werden.

    Diese Sitzung ist zweiteilige organisiert werden: Für die erste Session laden wir Abstracts ein, die Fragen nach strategischen Verbindungen zwischen kultur- und kreativwirtschaftlichen Entwicklungen aus räumlicher Perspektive aufgreifen und deren Zusammenspiel zwischen Konformität und Individualisierung in Städten und Regionen diskutieren. Der zweite Teil ist als offene Diskussionsrunde organisiert und fragt nach der Rolle von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in diesem Kontext. Zum Beispiel soll diskutiert werden, welchen Beitrag Forschungsarbeiten für die aktive Gestaltung dieser gesellschaftlichen Prozesse und regionaler Entwicklung leisten (können) und welche Formate sich für die Zusammenarbeit mit PraktikerInnen einrichten lassen.